Aber den Freudenlärm übertönte ein so gellendes und ungefüges Jauchzen, daß auch eifrige Rufer erstaunt innehielten, und eine blinkende Axt flog aus dem Volkshaufen nach dem Gerichtsbaume und schlug krachend in das Holz des Wipfels. Als um den Werfer ein Tumult entstand und der König verwundert auf das Gedränge sah, eilte Brunico heran und auf einen Wink des Königs in die Schranken gelassen, erklärte er begütigend: »Der wilde Sauhirt tat es in übergroßer Freude, weil er den Hofbrauch wenig kennt.«

Heinrich sah über seinem Haupt das Eisen durch die Äste blinken, er ahnte eine überwundene Gefahr und sprach lächelnd zu Immo: »Subulcus surculos secat[5]. Ist das eure Art, Ruten zu schneiden, wenn ihr einen widerwärtigen Schüler strafen wollt?« Und er nahm ein abgeschlagenes Reis, welches an seinem Gewand haftete und schlug damit auf Immos Finger.

»Jetzt aber höre in Demut, auch was dir leidvoll wird,« begann er wieder mit Königsmiene und setzte sich auf dem Stuhl zurecht: »die Jungfrau, welche du entführt hast, damit sie dein Gemahl werde, verweigert dir der Vater, und du mußt ihr entsagen, wenn dir nicht gelingt, den guten Willen des Grafen für dich zu gewinnen. Bist du zufrieden mit dem Spruch, Graf Gerhard?«

Der Graf stand in großer Verwirrung. Daß der König den Gefangenen durch einen Kuß ehrte, und ihm seine Ehre vor der Versammlung bestätigte, ängstigte ihn sehr, weil er die geheimen Gedanken des Königs falsch gedeutet hatte; und er vermochte, wie gewandt er sich sonst zu biegen wußte, doch nichts Schickliches zu erwidern, sondern stieß nur heraus, nach Art der Thüringe, welche ungern ja sagen: »Hm,« und »allerdinge, es ist, wie der König meint;« aber ihm ahnte, daß er in einem üblen Handel war, und daß der Richter ihm noch Arges sann. Dabei fiel sein umherirrender Blick auf Heriman, welcher außerhalb der Schranken dem König gerade gegenüber stand, und seine Angst wurde noch größer. Der König aber fuhr gegen Immo fort: »Da mein Vogt von Erfurt keine Klage gegen dich erhoben hat wegen deines nächtlichen Rittes, so besteht gegen dich die Klage der Erzbischöflichen wegen Tumults und schwerer Verwundung. Die Wunden wirst du nach Landesbrauch entschädigen, wegen des gebrochenen Stadtfriedens sollst du ohne Schaden an Leib und Leben das Land räumen. Und ich versage dir deine Heimat, Dach und Herd auf ein Jahr und einen Tag von morgen ab.« – Ein leiser Klageton des Gefangenen zitterte durch die Luft.

»Und nach Jahr und Tag,« fuhr der König fort, »falls die Heiligen uns gnädig sind, sollst du, Held Immo, deinen König zu dem Hochfest laden, das du feierst, wenn du dich vermählst. Ich selbst will zur Stelle sorgen, daß ich dir deine Braut werbe, denn ich habe nicht vergessen, daß du einst zwischen mir und meinen Feinden standest. Deshalb gedenke ich jetzt mit dem Grafen zu reden, ob er mir Gehör gibt. Manches weiß ich von seinen Gedanken und Taten, was vertraulich zwischen uns beiden bleibt, und ich weiß auch, daß er dir im Grunde wohl will, nur daß er des Königs Zorn scheut. Denn er hat nicht nur günstig über sein Kind zu dir gesprochen, er hat sogar damals, als du am Main von ihm rittest, schon den Goldstoff erworben, den ein Grafenkind schwerlich tragen würde, außer wenn sie sich einem König vermählt; und der König konntest doch nur du oder ich sein, ich aber habe meine Königin und du noch nicht. Habe ich deinen Sinn recht gedeutet, Graf Gerhard, so sprich.« Und Heinrich warf einen Herrenblick auf den Schuldigen, so daß dieser sich niederbeugend nichts weiter sagen konnte, als »Des Königs Weisheit rät immer das Beste.«

»Dann rate ich dir auch, dem Goldschmied Heriman den Stoff zu bezahlen, und daß du ihm zu dem Preis das Fünffache darauf legst, damit der Schmied eine reiche Spende in die Hand meines hochwürdigen Vaters Willigis von Mainz opfere. Denn auch Heriman hat Ursache, den Heiligen dankbar zu sein, weil sie ihn damals und später aus großer Gefahr befreit haben. Du aber, Held Immo, sollst, bis Jahr und Tag vergangen sind, mit deinem Könige reisen, der jetzt seine Kriegsfahrt rüstet. Unterdes wird die Jungfrau im Hause der edlen Edith zurückbleiben, wenn der Vater, wie ich wünsche, die Herrin gleich zur Stelle darum bittet und diese es ihm gewährt. Du junger Gottfried bewahrst bis zur Heimkehr des Bruders sein Erbe und legst es ihm dann in seine Hand zurück, wie du schon heute getan; ihr andern Söhne des Helden Irmfried aber steigt auf die Rosse und folgt dem Bruder in meinem Heere. So oft die Speere an den Schilden der Welschen dröhnen, hoffe ich euren Gesang zu hören.«

Der König erhob sich, legte den Richterstab in die Hand des Erzbischofs, und trat vor Edith.

»Und jetzt, Base Edith, wenn der König durch die gebrochene Mauer reitet, willst du ihm dennoch freundlichen Willkommen sagen? Mit großem Gefolge komme ich und nur wenige Stunden werden wir dich beschweren; doch man rühmt ja, daß Speicher und Keller, wo du waltest, reichlich gefüllt sind. Heute sollst du deinen Stammgenossen und Vetter gastlich empfangen, denn als Freund schwingt sich des Reiches Aar zu dem Nest der Zaunkönige.«