Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus seinem Gewande.

»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König und sah kalt auf den Knienden.

»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo und legte das Pergament zu den Füßen des Königs.

»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,« versetzte der König, mit dem Fuß das Pergament wegstoßend, »Unheil bedeutet solche Spende, sprich, was soll der Brief?«

»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich, indem er das Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem Beispiel. »Der Graf verzweifelt in seiner Not, durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade zu finden, zumal er ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut und Geld liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben und forderte von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und Königs trüge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.«

»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße geworfen, Verwegener?«

»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht wäre, zu dem heiligen Geheimnis meines Königs zu schleichen und den Brief des armen Sünders dort zu verstecken, wie er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner Seligkeit hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des Königs erbitte, daß mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und seinem Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen.«

»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte wagst?« frug der König hart, »denn meine Edlen pflegen nichts für nichts zu tun.«

»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete Immo.

»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch lehren sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren. Wie mögen die hohen Gewaltigen des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie sich zu meinem Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben, wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden? Und wie kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«