»Schlecht,« antwortete Itzig, die Achsel zuckend; »es ist kein Verdienst im Geschäft. — Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrenthal übergeben und Sie fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen Besuch machen kann.«
»Mir?« frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels Händen. Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage, ob Anton an einer Lehrstunde Theil nehmen wolle, in welcher Herr Ehrenthal ältere englische Schriftsteller in einer literar-historischen Reihenfolge durchzunehmen beabsichtige.
»Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal?« frug Anton.
»Im Hause bei seinem Vater,« erwiederte Veitel und verzog das Gesicht. »Er sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.«
»Ich werde den Herrn selbst aufsuchen,« sagte Anton. — »Guten Morgen, Herr Anton!« — »Guten Morgen, Itzig.«
Anton empfand keine große Neigung, auf den Antrag des Lehrers einzugehen. Der Name Ehrenthal hatte in seinem Comtoir keinen guten Klang, und das Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten annehmlicher zu machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom Sohne seines Brodherrn sprach, und Einzelnes, was er auf seine Erkundigungen von Bernhard hörte, bewog ihn, die Sache wenigstens in Erwägung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf nach dem Schluß des Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entschlossen, sich durch den Eindruck, den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.
Er trat an die weißlackirte Thüre, zog den dicken Porcellangriff und wurde durch eine struppige Köchin ohne weitläufige Anmeldung in die Stube des jungen Ehrenthal geführt. Es war ein langes schmales Zimmer mit alten Möbeln und schmucklosen Büchergerüsten, auf welchen eine Menge großer und kleiner Bücher unordentlich durcheinander lag. Bernhard saß tief über seine Arbeit gebeugt am Schreibtisch und sah erst auf, als Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knöpfte er den Hausrock über seinem Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der Unsicherheit entgegen, welche Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrüßung Eintretender eigen ist. Neugierig sah Anton auf den Sohn des Händlers. Es waren feine Züge und ein zarter Körper, kastanienbraunes krauses Haar und zwei graue Augen von freundlichem Ausdruck. Bernhard nöthigte seinen Gast auf ein kleines Sopha. Anton erwähnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete schüchtern, daß er sich in Allem nach den Wünschen seines Besuches richten wolle. Und als Anton nach dem Preise der Stunden frug, erstaunte er, daß der Sohn Ehrenthals mit einiger Verlegenheit sagte: »Ich weiß es wirklich in diesem Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch den Lehrer zu bezahlen, so will ich mich sogleich darnach erkundigen.« Darauf konnte sich Anton nicht enthalten zu fragen: »Sind Sie nicht im Geschäft Ihres Herrn Vaters?«
»Ach nein,« erwiederte Bernhard, diesen Uebelstand entschuldigend, »ich habe studirt, und da einem jungen Mann von meiner Confession die Anstellung im Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben kann, so beschäftige ich mich mit diesen Büchern.« Dabei warf er einen Blick voll Liebe auf sein Büchergerüst, stand auf und trat in ihre Nähe, als wollte er sie seinem Gast vorstellen. Anton las einige goldene Titel und sagte mit einer Verbeugung: »Das ist für mich zu gelehrt.« Es waren Ausgaben orientalischer Werke.
Bernhard lächelte: »Durch das Hebräische bin ich zu den andern asiatischen Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schönheit in dem Leben dieser Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch Handschriften, wenn es Sie interessirt, diese zu sehen.«
Er schloß einen Schub auf und holte ein Bündel seltsam aussehender Manuscripte heraus. Mit glänzenden Augen öffnete er das oberste, im Einband von grünem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt war; er ließ Anton die Schrift betrachten und war vergnügt, als dieser erklärte, er könne nicht einmal angeben, welcher Sprache die Schriftzüge angehörten.