Wie alte Bekannte traten die beiden Jünglinge aus dem finstern Haus in die warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde von einander schieden, sagte Bernhard angelegentlich: »Ist Ihnen der Verkehr mit mir nicht zu uninteressant, Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch manchmal in Ihren Freistunden.« Anton versprach das. Beide hatten Behagen an einander gefunden. Anton wunderte sich noch immer, daß ein Sohn Ehrenthals so wenig Geschäftsmann sein konnte, und Bernhard war glücklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er über Vieles reden konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.
Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienstube und stellte sich hinter den Rücken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flügel ein neues Modestück einübte und dabei eine große Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder küßte sie leise an das Ohr, sie drehte sich schnell um und rief: »Laß mich in Ruh, Bernhard, ich muß das Stück einüben, denn auf den Sonntag ist große Soirée, und sie werden mich auffordern, zu spielen.«
»Ich weiß, daß sie dich auffordern werden,« sagte die Mutter, als Bernhard sich schweigend auf das Sopha niedersetzte und ein aufgeschlagenes Buch in die Hand nahm. »Es ist keine Gesellschaft, wo man nicht das Verlangen hat, die Rosalie zu hören. Wenn du nur einmal dich entschließen könntest, mitzukommen, Bernhard, du bist ein Mann von so viel Geist, du bist gelehrter als Alle aus der ganzen Bekanntschaft. Neulich hat der Professor Starke von der Universität mit großer Hochachtung über dich gesprochen und hat gesagt, du würdest ein Stolz werden für die Wissenschaft. Es ist erfreulich für eine Mutter, wenn sie stolz sein kann auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die Gesellschaft, sie wird so auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur sein kann.«
»Du weißt, Mutter, ich gehe nicht gern zu fremden Leuten,« sagte der Sohn.
»Und ich will, daß mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen,« rief der Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört hatte, da in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen ausruhte. Herr Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der Familie: »Unser Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer sein ein guter Weg. Du siehst aus so bleich,« sagte er zum Sohne und strich mit der Hand über seine braunen Locken. »Du studirst zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Gesundheit, der Doctor hat gesagt, daß dir Bewegung nöthig ist, und hat dir gerathen zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen ein Pferd? Ich kann es haben, daß mein Sohn Bernhard auf dem theuersten Pferde reitet, das in der Stadt zu haben ist; thu, was der Arzt sagt, mein Bernhard, ich will dir kaufen ein Pferd.«
»Ich danke dir, lieber Vater,« erwiederte Bernhard, »es würde mir keine Freude machen, und wie ich fürchte, deßhalb nicht viel helfen.« Er drückte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmüthig in das faltige Gesicht sah.
»Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? Laß ihm Pfirsichen holen, Sidonie, es sind neue Pfirsichen angekommen beim Fruchthändler, das Stück kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben irgend etwas Anderes, so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du bist mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.«
»Er will ja nie etwas annehmen,« sprach die Mutter dazwischen, »er hat keine andere Freude, als an seinen Büchern; nach Rosalie und mir frägt er manchmal den ganzen Tag nicht.«
»Liebe Mutter,« warf Bernhard bittend ein.