»Sie ist gesund und von Herzen gut, aber sie ist kecker und ungebundener, als sich für ihre Jahre paßt.«
»Sie ist auf dem Lande aufgewachsen und eine tüchtige Dirne geworden,« erwiederte der Freiherr beruhigend.
»Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefühl im Umgange mit Fremden,« fuhr die Mutter fort. »Ich fürchte, sie ist in Gefahr, ein Original zu werden.«
»Nun, das Unglück wäre nicht so groß,« sagte der Freiherr lachend.
»Es giebt kein größeres für ein Mädchen aus unserm Kreise. — Was in der Gesellschaft auffällt, wird auch lächerlich; ein kleiner Zug von bizarrem Wesen kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie muß genöthigt werden, mehr auf sich zu achten, und ich fürchte, hier auf dem Lande wird sie das nicht lernen.«
»Wir sollen das Kind von uns thun, vielleicht auf Jahre, und unter fremden Menschen aufblühen lassen?« frug der Freiherr unwillig.
»Und doch muß es sein,« sagte die Baronin ernst, »und es kostet mich viel, dir das zu sagen. Sie ist unartig gegen Mädchen ihres Alters, rücksichtslos gegen Frauen, und Männern gegenüber viel zu dreist. — Kannst du dir ein Mädchen von Lenorens Wesen am Hofe denken?« frug die Baronin nach einer Pause.
Der Gemahl konnte sich das nicht denken, vielleicht deßwegen nicht, weil ein Fürstenhof überhaupt nicht der Ort ist, wo schnell aufgeschossene Fräulein die Schulbücher umhertragen und Katze und Maus spielen.
»Sie wird sich ändern,« warf er endlich ein.
»Sie wird sich nicht ändern,« entgegnete die Baronin sanft, die Hand auf seine Schulter legend, »so lange der Liebling mit seinem Vater zu Pferde über Gräben setzt und ihn sogar auf den Pürschgang begleitet.«