Nie hatte Anton mehr mit den Thüren geklopft, schneller die Treppenstufen gemessen und kräftiger die Hände seiner Collegen geschüttelt, als in der nächsten Stunde. Als er so geschäftig durch den dunklen Hausflur eilte, hörte er ein leises Rauschen neben sich. Sabine trat schnell an ihn heran und faßte seine Hand: »Wohlfart, schützen Sie meinen Bruder vor Gefahr!« Anton versprach mit maßloser Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu thun, fühlte nach seinen geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst geladen mit den edelsten und seligsten Gefühlen, welche je ein junger Held gehabt hat. Er zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen seines Prinzipals, gehoben durch das zarte Verhältniß, in das er zu der Heiligen des Geschäfts getreten war. Er war glücklich.
Das Dampfroß schnaubte und raste über die weite Thallandschaft, wie ein Pferd aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saßen Soldaten, sie hingen auf den Frachtstücken, sie guckten aus den kleinen Fenstern der Packwagen; überall glänzten Bajonette und Helme, überall steckten Tornister, Feldkessel und Trommeln. Auf allen Stationen standen die Haufen der Neugierigen, überall hastige Fragen und Antworten, überall aufregende Neuigkeiten, schreckliche Gerüchte und abenteuerliche Erzählungen. Anton war froh, als sie sich am Ende der Bahnstrecke aus der kriegerischen Masse lösten und in einer leichten Chaise mit Courierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstraße war es still, leerer als gewöhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe der Grenze wurden noch von den Reisenden überholt. Die Mannschaft sang lustig, als zöge sie zum Manöver, hier und da machte der Spaßvogel der Compagnie seinen Witz über die schnellfüßigen Civilisten, zuweilen ritt ein Offizier grüßend an den Wagen, wenn er den Prinzipal kannte, oder einen Auftrag für sein Nachtquartier vorauszusenden hatte. Der Kaufmann sprach zu Anton gar nicht vom Geschäft, aber mit großer Heiterkeit von allem Andern, von früheren Erlebnissen, von dem Treiben an der Grenze, von Schmugglern und Zollwächtern, und behandelte seinen Reisegenossen mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein älterer Kamerad dem jüngern zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schröter eine Kälte, welche den kriegerischen Muth Antons ein wenig dämpfte, denn als dieser auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfältig aus einer Wagentasche in die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem Blick auf die beiden Läufe, und als die Reisenden bei den letzten Häusern des Orts vorübergerollt waren, wies er auf die braunen Kolben, welche brüderlich aus der Tasche hervorragten, und sagte zu Anton: »Ich glaube nicht, daß Ihnen gelingen wird, durch die Puffer unsere Waaren wieder zu erobern. Sie sind geladen?«
Anton bejahte und erwiederte mit dem letzten Rest seines kriegerischen Selbstgefühls: »Es sind gezogene Läufe.«
»So?« sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche, rief dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und schoß kaltblütig beide Läufe ab. »Es ist besser, wir beschränken uns auf die Waffen, die wir zu gebrauchen gewöhnt sind,« bemerkte er gutmüthig, indem er Anton die Pistolen zurückgab, »wir sind Männer des Friedens und wollen nur unser Eigenthum zurückhaben. Wenn wir es nicht dadurch erhalten, daß wir Andere von unserem Recht überzeugen, so ist keine Aussicht dazu. Es wird dort drüben viel Pulver unnütz verschossen werden, Alles Ausgaben, welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen ruiniren. Es giebt keine Race, welche so wenig das Zeug hat, vorwärts zu kommen und sich durch ihre Capitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben, als die slavische. Was die Leute dort im Müßiggang durch den Druck der stupiden Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen Spielereien. Bei uns thun so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen, und die Nation kann es zur Noth ertragen. Dort drüben erheben die Privilegirten den Anspruch, das Volk darzustellen. Als wenn Edelleute und leibeigene Bauern einen Staat bilden könnten! Sie haben nicht mehr Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf den Bäumen. Das Schlimme ist nur, daß wir ihre unglücklichen Versuche auch mit unserem Gelde bezahlen müssen.«
»Sie haben keinen Bürgerstand,« sagte Anton eifrig beistimmend.
»Das heißt, sie haben keine Cultur,« fuhr der Kaufmann fort; »es ist merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Civilisation und Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu einem Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.«
»Da ist doch Conrad Günther in der insurgirten Stadt vor uns, dann die Geschäfte der drei Hildebrand in Galizien,« warf Anton ein.