Das Tageslicht hatte seine schöne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den Furchtsamen Muth zu geben, auch an dem Agenten bewährt. Er erklärte sich bereit, mit Anton auszugehen. Unter dem Schutz der großen Cocarde, welche der Agent am Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst bleich nach der ruhelosen Nacht, aber mit entschlossenem Herzen. Ueberall wurde er mit Staunen empfangen, welches nicht immer frei von Bestürzung war: Wie man in solcher Zeit daran denken könne, Geschäfte abzuwickeln, zwischen Waffenlärm und Sturmgeläut und in der Todesangst um eine furchtbare Zukunft?

Anton erwiederte kaltblütig: »Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich um den Kriegslärm zu kümmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede Zeit ist gut genug, um Verpflichtungen zu erfüllen; wenn für uns die Zeit war, hierher zu kommen, so ist auch für Sie Zeit, mit mir zu verhandeln.« Durch solche und ähnliche Vorstellungen gelang es ihm doch, hier und da ein bestimmtes Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige Deckung zu erlangen.

Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet hatte, sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: »Wenn wir noch unsere Wagen glücklich aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt, daß wir die unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen können. Jetzt auf die Commandantur!« — Er gab dem Agenten noch Instruction und sagte ihm beim Abschied leise: »In wenig Tagen werden unsere Truppen einrücken, ich nehme an, daß Sie bis dahin Ihr Haus nicht verlassen. Dann sehen wir uns wieder.«

Der Agent rief mit aufgehobenen Händen den Schutz aller Himmlischen auf die Reisenden herab, verschloß und verriegelte hinter ihnen die Hausthüre und versteckte seine revolutionäre Cocarde in dem Ofen.

Die Reisenden eilten unter Führung des Polen mit schnellen Schritten durch das Gewühl. Wieder hatten sich die Straßen gefüllt, wieder zogen Schaaren Bewaffneter an ihnen vorüber, der Pöbel war wilder und aufgeregter, und das Geschrei war noch größer, als am Abend zuvor. Es wurde an die Häuser gedonnert und Einlaß verlangt, Branntweinfässer wurden auf die Pflastersteine gerollt und von dichten Haufen trunkener Männer und Weiber umdrängt, Alles kündigte an, daß die befehlende Macht nicht stark genug war, die Straßendisciplin aufrecht zu erhalten. Auch im Hause des Commandirenden war ein unruhiges Treiben, Bewaffnete eilten zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mußte ungünstig sein, denn in dem großen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel geflüstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.

Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrängt und in eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen faßte er ein Gewehr, rief Einige beim Namen und verließ das Zimmer, ohne sich weiter um die Reisenden zu kümmern.

Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing sie der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen, aber hatte doch die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann anredete: »Ich habe Ihren Wunsch bevorwortet, hier ist ein Passirschein für Sie und Ihre Wagen; ich bitte Sie, daraus zu entnehmen, daß wir die Bürger Ihres Staates rücksichtsvoll zu behandeln wünschen, mehr vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung rathsam macht.«

Der Kaufmann empfing das verhängnißvolle Papier mit glänzenden Augen: »Sie haben mir eine ungewöhnliche Rücksicht bewiesen,« sagte er, »ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet und wünsche, daß es mir einst vergönnt sein möge, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.«

»Wer weiß,« antwortete der junge Befehlshaber mit trübem Lächeln, »wer Alles auf das Spiel setzt, kann auch Alles verlieren.«