Alle Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschäftsmann. Er war verreist, hieß es in der Stadt, und unruhig hörte der Freiherr auf das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den Verhaßten, Unentbehrlichen.

Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von vollen Formen und hohem Wuchs; daß auch sie von dem Ernst des Lebens berührt war, zeigte das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn warf. »Der Bote bringt die Postsachen,« sagte sie, ein Packet Briefe und Zeitungen überreichend. »Es ist gewiß wieder kein Brief von Eugen dabei.«

»Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben,« antwortete der Vater, aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche Eugen eingerückt war. Es war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, überfiel ihn wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, daß seine Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren. Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demüthigten ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der Brief aber Nachrichten von Eugen enthielt, so zwang er sich endlich, zu sprechen. »Da hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht hat.«

»Er?« rief Lenore.

»Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein,« fuhr der Freiherr mit Ueberwindung fort. »Er spricht mit Wärme von Eugen.«

»Ja!« rief Lenore erfreut, »was gewissenhaft und zuverlässig heißt, das lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?«

»Geschäftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von wesentlichem Nutzen sein kann. Die thörichten Knaben haben irgend ein Geschwätz aus dritter Hand gehört und haben sich um meine Angelegenheiten unnöthige Sorge gemacht.« Und schwerfällig schritt er nach diesen Worten zu seiner Fabrik.

Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und wandte die Blätter nachlässig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche Anzeige fiel. Eine dunkle Röthe stieg ihm langsam über die Wangen, das Blatt fiel zur Erde, er griff mit der Hand an die Breter eines Wagens und legte seinen Kopf darauf. Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt auf und sah den Namen der polnischen Herrschaft, auf welcher der Vater, wie sie wußte, ein großes Capital stehen hatte. Ein Termin zur Versteigerung der Herrschaft wegen Concurses war angezeigt.

Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein eigenes Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grunde ruhte, als die letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte er gedacht, ob es nicht thöricht war, Andern in der Fremde sein Geld zu lassen und daheim fremdes nur zu theuer zu bezahlen, immer hatte er eine Scheu davor gefühlt, auch dies runde Capital in seine Unternehmungen zu werfen, er betrachtete es als das Witthum seiner Gemahlin, als das Erbtheil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe gefährdet, die letzte Sicherheit war verschwunden, Alles um ihn wankte. Ehrenthal hatte ihn betrogen, er hatte die Correspondenz mit dem Bevollmächtigten des polnischen Grafen geführt, er hatte ihm am letzten Termin die Zinsen noch vollständig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wußte von den schlechten Verhältnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm verheimlicht.