Ehrenthal erhob die Arme und rief: »Was ist das für eine Sprache, mein Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.«
»Höre mich weiter,« bat Bernhard. »Was du für Recht auf das Gut dieses Herrn hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in Verkehr gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, daß seine Familie unglücklich wird. Ich verlange nicht, daß du die große Summe wegschenken sollst, das würde dir zu wehe thun und würde den Herrn demüthigen; aber ich fordere von dir, daß du die Sicherheit nimmst, die er dir anbietet. Hat er dir früher Anderes versprochen, vergiß das; hast du Papiere in Händen, die ihn ängstigen, gieb sie ihm zurück.«
»Er ist krank,« stöhnte der Vater, »sehr krank ist er.«
»Ich weiß, daß dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus des Großvaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfuß, mit einem Thaler in der Tasche, seitdem hast du an nichts Anderes gedacht, als an Erwerb. Niemand hat dich etwas Anderes gelehrt, dein Glaube hat dich ausgeschlossen von dem Verkehr mit Solchen, welche besser verstehen, was dem Leben Werth giebt. Ich weiß, daß es dir an's Herz geht, eine große Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch thun, du wirst es thun, weil du mich liebst.«
Ehrenthal rang die Hände und sagte unter strömenden Thränen: »Du weißt nicht, was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein Diebstahl an deinem Vater.«
Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. »Du hast mich immer geliebt. Du hast gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine Worte gehört, und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfüllt! Was ich jetzt von dir will, das ist die erste große Bitte, die ich an dich thue. Und diese Bitte werde ich dir in's Ohr sprechen, so lange ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es wird meine letzte sein.«
»Du bist ein thörichtes Kind,« rief der Vater außer sich, »du verlangst mein Leben, du verlangst mein ganzes Geschäft.«
»Hole die Papiere,« erwiederte Bernhard. »Ich will mit meinen Augen sehn, wie du dem Herrn zurückgiebst, was er geschrieben hat, und wie du aus seiner Hand empfängst, was er dir noch geben kann.«
Ehrenthal holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: »Er ist krank. Ich soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld.« Der Freiherr saß unterdeß schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich nieder. An dem Fenster aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne daß er es merkte, zerrte er die Gardine von der Stange.
Der Sohn sah unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief endlich mit Anstrengung: »Ich will es, Vater, hole die Papiere.« Dann sank er in die Kissen zurück. Der Vater wollte sich auf ihn stürzen, aber mit einer kurzen Geberde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurück, und mit Mühe aufathmend, sagte er: »Es ist genug, du thust mir weh.«