»Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefühlt,« sagte Anton leise. »Jetzt kann ich nicht anders.«

»Wohl, so thun Sie, was Sie müssen,« schloß der Kaufmann finster, »ich werde Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wünsche, daß Sie nach einigen Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mögen!« Anton verließ mit mehr Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit gefurchter Stirn auf die Stelle, an welcher sein Commis gestanden hatte.

In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die kühle, ja mißfällige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. »So herb, so unerbittlich,« rief er aus, als er sich ermüdet in seinem Zimmer niedersetzte. Aus einem Winkel seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf, daß sein Chef doch mehr Egoismus und weniger Gemüth habe, als er ihm zugetraut. Manche Aeußerung Finks fiel ihm wieder ein, jener Abend fiel ihm ein, wo der junge Rothsattel in knabenhaftem Uebermuth gegen den Kaufmann seinen Kamm gesträubt hatte. »Ist es möglich, daß diese Unart von ihm unvergessen ist?« frug er sich zweifelnd. Und hinter den hellen Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines Chefs. »Ich thue nicht unrecht,« rief er sich selbst zu; »was er sagen mag, ich habe Recht auch gegen ihn. Und mein Loos wird sein, von heute ab für mich allein den Weg zu suchen, auf dem ich gehen muß.« So saß er lange im Finstern, und düster wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat an das Fenster und blickte in den dunkeln Hof hinunter. Da schimmerte in dem matten Schein, der aus den Wolken in sein Zimmer fiel, ein riesiger weißer Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft. Erstaunt faßte er darnach. Er machte Licht und sah die prächtige Blüthe der Calla von Sabinens Blumentisch. Sabine hatte ihm die Blume heimlich hereingestellt, jetzt hing sie traurig an dem geknickten Stengel herab. Wie ein trauriges Vorzeichen erschien ihm der kleine Unfall. Er löste die Blüthe, legte sie vor sich auf den Tisch, und lange saß er schweigend und starrte auf das zusammengerollte Blüthenblatt.

Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. »Gute Nacht, Traugott,« nickte sie ihm zu — »Wohlfart war den Abend bei dir, so spät hat er dich verlassen.«

»Er wird uns verlassen,« erwiederte der Kaufmann finster. Sabine erschrak, der Leuchter klirrte auf den Tisch. »Um Gottes willen, was ist geschehen? Hat Wohlfart gesagt, daß er von uns will?«

»Noch weiß ich es selbst nicht; ich aber sehe es kommen Schritt vor Schritt. Und nicht ich und noch weniger du können etwas thun, um ihn zurückzuhalten. Als er hier vor mir stand und mit glühenden Wangen und bebender Stimme Hülfe für einen ruinirten Mann erbat, erkannte ich, was ihn forttreibt.«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Sabine und sah den Bruder groß an.

»Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu werden. Ein Paar Mädchenaugen ziehen ihn von uns ab, es erscheint ihm ein würdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschäftsführer der Rothsattel zu werden. Er heißt im Comtoir Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem adeligen Gutsbesitzer ist die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat.«

»Und du hast ihm deine Hülfe verweigert?« frug Sabine leise.

»Die Todten sollen ihre Todten begraben,« sagte der Kaufmann rauh und wandte sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine. Der Leuchter zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe schritt. Aengstlich horchte sie auf ihren eigenen Fußtritt, und ein Schauer überlief sie, ihr war, als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar an ihrer Seite hin. Das war die Rache des Andern. Der Schatten, welcher aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses Leben fiel, er scheuchte jetzt auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer Andern hing Antons sehnendes Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen Entfernten geliebt und verschmäht hatte und jetzt im Wittwenschleier auf das verglühende Gefühl ihrer Jugend zurücksah.