Der Fremde wurde aufmerksam. »Herr Ehrenthal ist ein reicher Mann, ein kluger Mann, ich habe seiner Zeit viel mit ihm zu thun gehabt, er hat eine schöne Gesetzkenntniß. Wenn Sie den Geschäftsstyl erlernen wollen und bei Herrn Ehrenthal sind,« fuhr er überlegend fort, »vielleicht kann da Rath werden. Welches Honorar würden Sie zahlen, wenn sich Jemand fände?«
Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurückhaltend: »Ich weiß doch noch nicht, was er fordern wird für solchen Unterricht.«
»So will ich's Euch gerade heraussagen,« erklärte der Herr mit der Brille. »Ich selbst könnte Euch vielleicht den Unterricht geben, vielleicht auch nicht; man giebt solche Anweisung nicht Jedem, ich müßte mich erst näher nach Euch erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen thue, so will ich Euch den Unterricht ertheilen in Erwägung, daß Ihr ein Anfänger seid, in Erwägung, daß Ihr arm seid, und in Erwägung, daß ich jetzt gerade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin, mehr Theorie als Praxis zu treiben, wenn Ihr mir funfzig Thaler zahlt; fünfundzwanzig Thaler vor der ersten Lection und fünfundzwanzig Thaler in einem Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.«
»Funfzig Thaler!« rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerührt auf einen Schemel, »funfzig Thaler!« wiederholten mechanisch seine Lippen, als das Räderwerk seines Geistes bereits in's Stocken gerathen war.
»Ist Euch das zu viel,« frug der Herr mit der Brille in scharfem Ton, »so laßt Euch sagen, junger Itzig: Erstens, daß ich mit keinem Gelbschnabel handle, zweitens, daß ich meine Hülfe Andern noch nie so billig gegönnt habe, und drittens, daß ich mich den Teufel mit Euch befassen würde, wenn ich nicht große Lust hätte, einige Wochen in dieser Stube zu verweilen.«
»Funfzig Thalerstücke!« rief Itzig außer sich, »ich habe geglaubt, es würde nicht kosten mehr als zwei, drei Thaler, wenn ich noch vielleicht wollte zugeben eine Weste und ein Paar gute Stiefeln.« Der alte Herr fuhr heftig nach seiner Brille — »und einen Hut, der noch ist wie neu,« fügte Veitel schnell hinzu, weil er einen Sturm herannahen sah und bemerkt hatte, daß der Hut auf dem Tische sehr schadhaft war.
»Scher' dich zum Henker, du Dummkopf,« fuhr ihn der Alte mit einer Ueberlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herren mit großen dänischen Doggen zu ertragen gewohnt war. »Suche dir einen Schulmeister bei der Armenschule.«
»So ist der Herr kein Schreiber?« frug Itzig gedrückt, aber beharrlich.
»Nein, du Narr,« brummte der Alte. »Wie konnte ich denken, daß der Ehrenthal in seinem Geschäft einen solchen Strohkopf hat,« fügte er in lautem Monologe hinzu. »Er hält mich für einen Schreiblehrer.«
»Was sind Sie denn sonst?« frug Itzig gekränkt.