Während des ganzen Vormittags wurde der Kampf auf beiden Flügeln und im Zentrum mit stetig wachsender Heftigkeit geführt. Die beiden Hotels auf dem Neumarkt erhielten von der Augustusstraße und von der Frauenkirche her wirksames Geschützfeuer, das die in allen Stockwerken des Hauses Stadt Rom eingebauten Erker vollständig in Trümmer schoß. Die Kindschen Häuser an der Westseite des Platzes wurden von den Truppen in der Münzgasse und im Coselschen Palais mit starkem Gewehrfeuer überschüttet.

Auf beiden Seiten wurde mit größter Tapferkeit gefochten. Von dem Donnersturm der Revolution, dessen schauerliche Melodie am gräßlichsten beim Ausbruch des Aufstands durch die Gassen geklungen hatte, war nichts mehr zu spüren. Die Parteien kämpften wie die ordentlichen Streitkräfte zweier sich feindlich gegenüberstehenden Völker. Die Kaltblütigkeit, mit der die Aufrührer vor allem auf den stark beschossenen Punkten aushielten, wurde selbst von ihren Gegnern bewundert.

Der Zorn der Truppen über die Hartnäckigkeit der Aufständischen steigerte sich schließlich bis zur Wut. Zahlreiche Kompagnien hatten während der letzten Nächte, zum Teil bei strömendem Regen, auf dem Pflaster der Gassen und Plätze gelegen, und ihre Verluste wuchsen andauernd. Zudem wußten die sächsischen Soldaten, daß die meisten Gewehre der Aufrührer ihren Armeegewehren älterer Konstruktion in der Feuerwirkung überlegen waren. Aus all diesen Ursachen bemächtigte sich der Truppen tiefe Erbitterung, und sie erwarteten voll Sehnsucht das Signal zum Bajonettangriff. Endlich wurde der Befehl zum Sturm gegeben.

Es war zwei Uhr nachmittags. Die nicht im Feuer stehenden sächsischen und preußischen Truppen waren auf dem Schloßplatz zusammengezogen worden, wo sie in fieberhafter Spannung mit der Front nach dem Georgentor harrten.

Bei diesen Truppen befand sich auch Kurt Allmer. Der Zufall hatte es gefügt, daß die 4. Kompagnie immer an besonders gefährdeten Stellen gekämpft hatte.

Mit heimlicher Bewunderung hatten die Soldaten die Kaltblütigkeit ihres Leutnants während des heftigsten Feuers und seine vollkommene Verachtung jeder Gefahr beobachtet. Wiederholt hatte Kurt das Gewehr eines Verwundeten selbst zur Hand genommen und stundenlang geschossen. Während des größten Teils der Nacht war er munter geblieben, hatte die Posten unausgesetzt revidiert und mit ihnen gewacht, da das Gerücht von einem heimlichen Angriff der Empörer umlief.

Kurt fühlte sich stark erschöpft. Sein Gesicht war von den Anstrengungen der letzten Tage bleich, sein Auge matt. Bisweilen war die Erinnerung in ihm schmerzlich erwacht, und seine Gedanken hatten sich während des Kampfes in das gemütliche Haus des alten Kriegsrats gestohlen – zu Ursula. In diesen ernsten Tagen, wo er ohne Unterbrechung dem Tod ins Auge sah, empfand er es deutlich, wie sein ganzes Herz an diesem herrlichen Mädchen hing.

Nun war Ursula für ihn verloren! – Vielleicht urteilte sie zu hart über sein Vergehen. Doch stand es ihm nicht zu, seine Schuld zu wägen. Und schuldig fühlte er sich! Ob Ursula noch einmal milder über das Unrecht denken würde, das er ihr zugefügt? Vielleicht! Aber ihr Verzeihen würde ihn nicht mehr erreichen – –

Kurt Allmer war in tiefster Seele von der Gewißheit erfüllt, daß er vor einem großen, unabwendbaren Schicksal stand.

Die Truppen auf dem Schloßplatz verhielten sich schweigend. Eine innere Unrast zeigte sich auf den Gesichtern der Soldaten. Zu ihrer Linken, am anderen Ende der Augustusstraße, hielt noch immer das Geschütz, und seine Schüsse gegen Stadt Rom krachten in kurzen Pausen.