Die hochgespannte Erregung hatte sich allmählich verflüchtigt; eine kühle Beurteilung der Ereignisse war aufgekommen. Die besonnenen Elemente, die den Kämpfen ferngeblieben waren, hatten längst die Oberhand gewonnen. Auch die erhitzten Gemüter beruhigten sich langsam. Man erkannte die Fehler, die gemacht worden, verstand die innere Schwäche und Unwahrheit der vermeintlichen Berechtigung zu dem blutigen Aufstand, und manch einer begriff nicht, wie ihn der Sturm hatte mit fortreißen können.

Nach dem jähen Aufflammen der Geister herrschten niedergedrückte Stimmung und Mutlosigkeit. Und man sah besorgt in die Zukunft und ahnte, daß dem heftigen Ansturm wider die Regierung ein empfindlicher Rückprall folgen würde.

Die Bewohner des Häuschens in der Glacisstraße hatten die letzten Wochen in schwerer Bangigkeit durchlebt. Während draußen der junge Frühling unter tausend- und abertausendfältigem Sprießen und Blühen sein farbenprächtiges, duftendes Kleid gewoben und über das noch zuckende sächsische Land tröstend gebreitet hatte, lag im Innern des Hauses ein junges Menschenkind, das nicht leben und sterben konnte.

Wiederholt war der unbarmherzige Sensenmann an Kurts Schmerzenslager getreten und wieder gegangen. Dann waren Tage gekommen, wo sich in die Herzen der Bangenden das leise Hoffen auf die endliche Genesung des Schwerverwundeten gestohlen. Aber immer hatte sich Kurts Befinden von neuem verschlimmert, daß die zage Hoffnung wieder erstarb. Bis endlich niemand mehr zu hoffen wagte und eine dumpfe Trostlosigkeit sich aller bemächtigte.

Die Ärzte hatten immer nur mit den Achseln gezuckt und versichert, daß Menschenkunst hier umsonst sei. Alles irdische Wissen wäre machtlos, wenn sich die Lebenskraft so verzweifelt gegen den Allbezwinger wehre.

Ein neuer Tag war gekommen, wo das Fieber in dem aufs letzte ermatteten Leib des Kranken nicht mit der gewohnten Heftigkeit raste. Aber solcher Tage hatte es schon gegeben! Keiner der drei Menschen, deren Herzen um das Leben des geliebten Kranken zitterten, wagte noch zu hoffen, in der Besorgnis, die dämonischen Geister wieder wachzurufen.

Seitdem die tückische Kugel in Kurts Rücken eingedrungen und sich den Ausweg durch die Brust gebahnt hatte, war der Verwundete noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen. –

Die Sonne schien freundlich ins Zimmer, als die Augenlider des Kranken ein paarmal leise zitterten und sich alsdann halb öffneten. Da unterschied Kurt die verschwommenen Umrisse einer grauen Katze, die behaglich auf einem buntgestickten Kissen lag und ihn verwundert ansah. Es war eine allerliebste Katze, nur viel kleiner, als Katzen schlechthin zu sein pflegen. Ja, eine so niedliche Katze war es, wie er noch keine gesehen hatte. Das Tierchen schien sich über seinen Anblick zu freuen, denn es ringelte den Schwanz auf und zu und begann leise zu schnurren.

Aber was war das? Neben dieser Katze entdeckte Kurt eine zweite, – eine dritte, – eine vierte! Ja, eine ganze Anzahl von Katzen sah er! Alle lagen auf Kissen und sahen ihn erstaunt und erfreut an.

Kurt schloß vor Mattigkeit die Augen. Als er nach kurzer Zeit von neuem aufsah, fiel sein Blick wieder auf die Katzen. Jetzt erkannte er einen durchscheinenden Vorhang, auf dem die Tiere in grauer Farbe aufgedruckt waren. Gleichzeitig hörte er zwei Frauenstimmen gedämpft miteinander sprechen.