Kurt trat vom Exerzieren der Kompagnie weg und begab sich auf den Teil des Exerzierplatzes, wo die zum Aufziehen befehligten Wachen Garnisonwachtdienst übten. Hier meldete er sich beim Offizier du jour.

»Instruieren Sie Ihre Wachtmannschaft vor dem Wegtreten noch einmal recht sorgfältig über ihr Verhalten bei Verhaftungen und Waffengebrauch,« befahl dieser. »Auf Befehl der Kommandantur ziehen die Wachen heute mit scharfen Patronen auf, die in der Wachtstube aufbewahrt werden. Den Posten auf dem Zwingerwall besetzen Sie mit ganz zuverlässigen, alten Leuten. Welcher Unteroffizier zieht mit Ihnen auf?«

»Korporal Mißbach.«

»Der ist gut! Schärfen Sie ihm aber die größte Aufmerksamkeit ein, besonders für die Abendstunden, wo Sie im Theater sind.«

»Zu Befehl, Herr Major!«

Das Stellen der Wachen auf dem Kasernenhof um die Mittagsstunde vollzog sich vor einer großen Zuschauermenge. Viele Offiziere hatten sich dazu versammelt, und wohl alle dienstfreien Mannschaften sahen aus den Korridorfenstern zu. Nachdem auf das Kommando: »Offiziere und Unteroffiziere vorwärts – marsch!« die Wachthabenden vor die Front marschiert waren und der Offizier der Ronde »Parole Pillnitz« verkündet hatte, trat der Regimentskommandeur heran. Mit lauter Stimme gab er bekannt, daß heute vormittag die Auflösung des Landtags vor den beiden versammelten Kammern stattgefunden habe. Es seien Unruhen zu befürchten. Wenn die Lage einer Wache schwierig werden sollte, müßten die Wachthabenden und Posten kaltes Blut bewahren. Immer genau nach der Instruktion handeln! Sich nicht im Eifer hinreißen lassen! Angetrunkene nicht reizen! Aber energisch auftreten und, wenn nötig, von der Waffe Gebrauch machen! Alle verdächtigen Wahrnehmungen seien sofort der Kommandantur zu melden.

Hierauf rückten die Wachthabenden wieder ein. Das Präsentieren erfolgte, der Parademarsch, und Schlag ein Viertel auf eins marschierte die Wachtparade zum Hauptportal der Kaserne hinaus, mit klingendem Spiel die Allee hinab.

Die Hauptstraße war heute belebter als an anderen Tagen. Unter die üblichen Spaziergänger, die mittags regelmäßig das Aufziehen der Wachtparade begleiteten, war eine große Anzahl unbekannter Gesichter gemischt, mit Demokratenbärten, weißen Filzhüten mit aufgeschlagener Krempe und blutroter Feder. An einigen Häusern waren Zettel angeklebt, die scharfe Proteste gegen die Auflösung des Landtags enthielten, mit der Überschrift: Kampf um Recht und Freiheit!

An der Ecke der Heinrichstraße war eine große Menge versammelt. Hier hielt vor der Neustädter Schule der voraufgerittene Regimentskommandeur, Oberst von Friederici, zu Pferde und ließ die Wachtparade noch einmal an sich vorbeimarschieren.