Leicht möglich, daß der reife Shakespeare, als er dieses Motiv in dem früheren Stücke fand, daß, wer im Gebet stirbt, gleichviel, wer er ist, und ununtersucht, wie er betet, in den Himmel kommt, daß er, dem solche Vorstellung weltenfern lag, das Motiv ingrimmig stehen ließ, weil für Hamlets Denken, für seinen Widerwillen, die Tat zu tun, jede Ausrede, auch die dümmste, gut genug schien; denn dieses Denken ist zwiefach: einmal tief in Verborgenheit Geist, der im Frieden und in der Liebe steht; dann aber der klug bewegliche Diener des Fühlens und Getriebenseins oder gar des noch sprachlosen Geistes selbst, wie in diesem Fall Hamlets. Und überdies bot sich eben dem bitteren Dichter hier die Gelegenheit, Hamlet und Claudius mit einander ironisch zu vertauschen: Hamlet das denken zu lassen, was Unmögliches Claudius ersehnen möchte; und diesem König in die Gedanken zu geben, was für Hamlets Gerede die tiefste Widerlegung ist. Darum mag er dann das Motiv der Orthodoxie auch schon, wo es das erste Mal auftaucht, im Bericht des Geistes stehen gelassen haben; seine Kunst und Ironie aber hat es vermocht, an der entscheidenden Stelle den Verbrecher selbst des Dichters Wahrheit über das Verhältnis von Himmel und Gebet und Sünde sagen zu lassen.
Nach dieser Begegnung, nach diesem Rückzug von der physisch rohen Tat kommt Hamlet zur Mutter, und schon draußen vor der Tür ruft er: Mutter, Mutter, Mutter! Denn nun, wo es gilt, mit Geist und Seele, mit Sprachgestaltung eine Tat zu tun, nun ist er in seinem Element. Da kommt die Begeisterung über ihn, da steht er in seiner Geschlossenheit, da ist das Denken nicht Bedenken und Hemmung, sondern Geist und Beflügelung; sein Blut wird Sprache und feurige Zornbeschwörung, von der Rede her kommt Festigkeit und Raschheit auch in seine Muskeln und seine Hand, und nun, wo er nicht im Plane, sondern im Gefühl und der spontanen Sicherheit des Impulses steht, ist er imstande, blitzschnell den König, der ihm in den Weg läuft, zu töten, und er tut es sofort. Freilich war’s ein Irrtum, sein blitzender Wille hat den König gestochen, und Polonius liegt als Leiche hinter dem Wandteppich, — welch wahnsinnig verworrene Welt für einen Menschen wie Hamlet! Denkt er in Ruhe und spinnt seinen Plan, so vermag er nicht zu tun; und handelt er unbesonnen, spontan, so verfehlt er sein Ziel und tötet einen, dessen Tod ihm nachher schmerzlich weh tun wird.
Jetzt aber ist er so im Feuer der tatvollen, umwandelnden, gestaltenden, schüttelnden Rede, daß er sich von dem Zwischenfall kaum unterbrechen, gewiß nicht aus der Richtung bringen läßt; er geht über seinen Totschlag an Polonius hinweg wie über eine rednerische Entgleisung. Ja, seine Stimmung ist noch gesteigert, da nun die Rede ihn zur raschen Tat befähigt hat. Wie gewaltig gestaltet er die Sprache, um sie zum Ausdruck der Wirklichkeit zu machen! Wie modelliert er die Bildnisse des Vaters und seines Mörders, mit welcher Kraft der Polemik, der Karikatur, der Liebe, der Verklärung! Wie arbeitet er an der Seele seiner Mutter, zumal nachdem der Geist gekommen ist und ihn gemahnt hat; und wie gelingt es ihm, diese leicht verführte Frau, die nie aufgehört hat, den Sohn innig zu lieben, zur echten Reue und zum Weh zu verführen, in dem höchsten Maße, das ihre Oberflächlichkeit zuläßt, und sie beinahe über sich selbst hinauszuheben. Der eine Teil der Aufgabe, die ihm der Geist übertragen hat, soll ihm nur auf seltsamsten Schicksalswegen, mit dem eignen Untergang, den sein Gefühl von Anfang an mit dieser Tat unlöslich verbunden hat, gelingen; das ist nicht die Sache, der er gewachsen ist: sich in die Welt der Schuld hineinzustellen, Böses mit Bösem zu vergelten. Aber den andern führt er durch; das ist seine Sache. Er ist kein Orest; er liebt die Mutter und hat vom Jenseits den Auftrag, sie zu schonen. In dieser Tragödie gibt es keinen Muttermord, sondern die Bekehrung der Mutter, die in die Ermordung des Vaters verstrickt ist, durch den Sohn. So dürfen wir, ohne jetzt im entferntesten an die äußerlich dogmatischen Rudimente zu denken, die dem Stück noch anhaften, im ganz tiefen Sinn des Wortes sagen: hier haben wir das christliche Gegenstück zum Atridenmythos der Antike: die Mutter, die nie unschuldig am Mord des Vaters heißen darf, die ihren Buhlen, den Mörder, neben sich auf den Thron gehoben hat, wird von dem Sohn nicht ermordet, sondern durch Liebe entsühnt, durch die flammende, gestaltende Sprache der Wahrheit zu Reue und Erneuerung gebracht. Orest erlebt seinen Schauder und die Verfolgung der Erinnyen nach der Tat; Hamlet, der das hat, was eins in zwei Gestalten ist: Phantasie und Liebe, hat die Qual vor der Tat, vor ihr in beiderlei Sinn.
Gertrud, seine Mutter, ist in dieser nächtlichen Unterredung, so tief es nur geht, erschüttert und umgewendet worden, sie ist von jetzt an nicht mehr ganz dieselbe; wir merken es sofort darauf in dem Gespräch mit dem Gemahl, dem sie nur, wie sie muß, berichtet, daß Hamlet den Polonius erstochen hat; sie stellt, obwohl sie es besser wissen muß, die Tat als die eines Kranken hin und berichtet, was wir glauben dürfen, was in ihrer Darstellung aber doch ein ganz andres Bild gibt, daß der Sohn jetzt um sein Opfer weine; von dem Furchtbaren, was sie durch Hamlet erfahren hat, von der Gefahr für das Leben des Gemahls, die sie ahnen muß, spricht sie kein Wort. Daß Hamlet nach England soll, ist ihr ganz recht; er darf jetzt nicht hier bleiben; gewiß hofft sie in ihrer weichen Art, es könne doch noch irgendwie alles gut werden.
Noch einmal sehen wir Hamlet dem König gegenüberstehen: wie der ihm mitteilt, daß er um seiner Untat an Polonius willen zu seiner eignen Sicherheit sofort nach England hinüber müsse. Hamlet ist wie nach übergroßer Anstrengung erschöpft; er redet fast nichts; weder in Worten noch gar in der Tat lehnt er sich gegen den König auf; er ist bereit, sich gleich aufs Schiff bringen zu lassen. Auf dem Weg dahin stößt er auf die Soldaten des Fortinbras, die über Dänemark nach Polen ziehen, wo sie um den Besitz irgend eines kleinen Nestes kämpfen werden. Da erwacht der Hader Hamlets mit sich, seine Verachtung gegen sich aufs neue; wir sehen ja immer, wie dieser Phantasiemensch leicht ein Gleichnis findet, das ihn wie aus dem Traume weckt und ihm vorrückt, was er tun sollte, sei’s die Deklamation eines Schauspielers oder die Tat eines Soldaten, der um einen Strohhalm sein Leben wagt. Zwei Dinge, so sagt er sich jetzt, halten den Menschen von der großen Hingabe an die Aufgabe ab, die den Tod nicht fürchtet: einmal die Liebe zum Leben, zum gemeinen Genuß, und dann
Der grüblerische Zweifel, der zu peinlich
Bedenkt, wie’s ausgeht —
Das ist sein Fall, sagt er sich; und wiederum hält er sich nun vor, wie er immer noch beim Vorsatz und Planen bleibe, da doch alles für die Tat reif ist: Der Grund ist da, sein Wille ist da, seine Kraft ist da, und die Mittel zur Ausführung sind da. Die Tat fordern von ihm der ermordete Vater, die Schmach der Mutter, das Blut in ihm und, sagt er sich, seine Vernunft. Und eindringlich, in einer Prägung ohnegleichen ruft er sich zum Heldentum auf:
Wahrhaft groß sein, heißt:
Nicht ohne großen Gegenstand sich regen;