Porzia selbst mit ihrem Geist anmutiger Natur ist solch eine Begnadete, wie Shylock ein Enterbter ist; und Bassanio hat sie erringen dürfen, weil er die Entscheidung getroffen hat, zu geben, von Herzen zu geben, und sein Alles dran zu wagen.

Aber gleich hebt wieder die Hölle an, die Pein ist kaum mehr zu ertragen; das scharfgewetzte Messer bohrt sich gegen uns wie gegen Antonio; und er, um dessen Leben es geht, spricht aus, was wir empfinden:

Von ganzem Herzen bitt’ ich das Gericht,

Den Spruch zu tun.

Das Arge gipfelt sich zum Ärgsten, wie in einem der falschen Schlüsse bei Beethoven oder Bruckner, bis endlich bei den Worten Porzias

Ist eine Wage da, das Fleisch zu wägen?

die Melodie der Teufelei mitten in sich selbst umbiegt und sich, obwohl sie ihre Tonfolge beibehält, rhythmisch verwandelt; denn hier, bei diesem von Porzia auf die Spitze getriebenen Recht, spüren wir: da spielt überlegener Geist mit dem, der im wütigen Ernst und doch dabei im kalten Formalismus des Rechts über die Grenzen des Menschenmöglichen zu gehen vermag: der Teufel der Buchstabengrausamkeit soll an sich selbst scheitern, soll durch sich besiegt werden: dem Rechtsanspruch soll sein Recht werden; der Frauengeist, der hier mit der männischen Wut ringt, die die Maske männlicher Logik angenommen hat, trägt diese nämliche Maske virtuos; aber so wie hinter Shylocks Logik der Haß steckt, so birgt sich in des Rechtsgelehrten Logik Porzias frauenhafte Liebesentscheidung. Und schon hier, vor der letzten glücklichen Wendung, taucht leise, von fern, durchs Gewittergrollen hindurch, die Stimme des Scherzes, der neckischen Lustigkeit auf.

Antonio nimmt mit herzergreifenden Worten seinen Abschied von Bassanio, für dessen Glück er jetzt geopfert werden soll: Empfehlt mich Eurem edlen Weib...

Da wird in einem kurzen Quintett ein aus Ernst und Spiel wunderbar gemischtes Zwischensätzchen eingelegt: Bassanio und Graziano beteuern in leidenschaftlichem Ausdruck der Freundschaft, vor der, wo der Freund in Gefahr ist, alles, alles andre versinken muß, sie würden Leben, Weib und alle Welt opfern, um Antonio zu retten; Porzia und Nerissa — der Richter und der Schreiber — machen heiter böse Bemerkungen dazu, wie nur sie selbst und wir sie verstehen, und Shylock, dessen Ghettoseele nichts über die Familie geht, fügt seine Stimme ein mit Haß und Verachtung gegen solche Christenmänner und Christenehen und mit seinem Jammer um die Tochter, die in jenes Lager gelaufen ist.