Aber die Sache will’s, und so preßt er sich zusammen und will das Unmögliche vollbringen.

Aber es graut uns, wenn wir mit ansehen, was es ihn kostet, wie er sich quält und sich krümmt und sich beschimpft und im ehrlichen Versuch, das Allerschwerste einzustudieren, fast groteske Gesichter schneidet; wie er schließlich nur noch als folgsames Kind zur Mutter redet:

Sei ruhig, Mutter.

Ich geh’ schon auf den Markt; schilt nicht mehr, Mutter.

Und nun, in schneidendster Kürze die furchtbare Wendung. Wie hat sie bitten, beschwören, begründen können, wie hat sie die ganze Autorität einer römischen Mutter geltend gemacht, solange er ungebärdig vor ihr stand, als einer, der die große Sache seines Lebens verdorben hatte, so daß sie nichts mehr vor sich sah als dies eine Mittel. Schimpfliche Verstellung und Demütigung für einen Augenblick; nun sei’s drum! Der Verstand ist so gern bereit, zum Letzten hinzustreben und aus einem Berg, der dazwischen trotzt, eine Stufe zu machen. Aber jetzt, wo er ganz nachgibt und gar nicht mehr widerstrebt, empfindet sie ein solches Leid in ihm, daß sie innerlich zusammenbricht und an alles nicht mehr glaubt, was sie gesagt hat. Sie kennt doch ihren Sohn! Weiß, wie es ist, wie es wird, wenn er sich Gewalt antut. Sie kann nichts mehr sagen: „Tu, was du willst“, bringt sie noch heraus und geht.

Sie sieht in der Einsamkeit, in die sie sich zurückzieht, gewiß voraus, was nun auf dem Marktplatz der Männer vor sich geht. Inzwischen haben die Volkstribunen nicht geruht, haben die Zünfte organisiert, um ihren nun bevorstehenden endgültigen Richterspruch zu einmütiger Annahme und sofortiger Vollstreckung zu bringen. Es soll Coriolan, dem Volksverächter, den Hals kosten, und das Mittel, jede freundliche Wendung zu verhindern, kennen die Gewitzten: ihr Feind hat dafür gesorgt, daß seine schwache Stelle nicht unbekannt blieb:

Reizt ihn sogleich zum Zorn...

... Braust er erst auf,

So bringt ihn nichts zur Mäßigung.

Coriolan kommt, von den Getreuen geleitet; sehr unruhig redet Menenius immer auf ihn ein, vor allem ruhig zu sein. Er kommt denn auch ganz in der beschlossenen Haltung sanfter Nachgiebigkeit. Wenn nur der wohlmeinende alte Menenius, um’s vollends gutzumachen, nicht anfinge, von seinen Heldentaten und Wunden zu den Bürgern zu reden! Da kommt doch sofort der Zorn wieder über ihn; vor denen da, jetzt, davon Rühmens machen! Wenn nur überhaupt Augen und Ohren nicht wären! Aber was nützt aller Vorsatz des Verstandes, wenn diese Volkstribunen auf seine Sinne wirken, wenn er sie nicht riechen kann? Und schon richtet er sich auf und stellt sie zur Rede: Was? ihn erst zum Consul wählen und ihm dann das Amt nehmen? Das ist aber nur ein Augenblick des Vergessens; sowie ihm bedeutet wird, er habe jetzt Rede zu stehen, fügt er sich wieder in die vorgesetzte Rolle. Und so beginnt die Anklage gegen ihn; und er hört das Wort Verräter. Da geht es ihm genau wie Sir Launcelot in Malorys englischem Artusroman; wie hat der seinen König schonen und sogar feig scheinen können, der Held; aber sowie er das Wort Verräter hört, muß er sich wappnen und kämpfen. Coriolan wollte mild, versöhnlich, bittender Weise reden; aber nun ist’s aus. Er hat sich ja nicht vorgestellt, wie es sein wird. Sagen hätte er schließlich alles gekonnt, sich selber zwingen; aber mit anhören, sich gefallen lassen? Ein Edler geht, ohne Fesseln, freiwillig, in Ruhe und Fügsamkeit zum Schaffot; aber wenn ihm der Henker die Hand auf die Schulter legt, zuckt er. Jetzt schreit Coriolan alles, alles hinaus; und die Erinnerung an das Versprechen, das er der Mutter gegeben hat, hilft nun nichts mehr. Das Wort Verräter in den Ohren zu haben, diese Gesellen als Richter vor sich zu haben, reißt alle Dämme ein; er bricht aufs furchtbarste los: