Ban, ban, Cacaliban
Hat zum Herrn einen andern Mann!
Schaff einen andern Diener dir an!
Auch hier, im Letzten, der ganz große, der Dramatiker, das heißt der Gerechte Shakespeare: der höchste und der niederste Mensch stehen sich gegenüber, von einander ewig getrennt wie der römische Plebejer von Coriolan, wie Thersites von Hektor, und doch jeder in seinem Recht. Bei uns ist aus Gerechtigkeit Toleranz und Unsicherheit geworden, und so ist der moderne Dramatiker wacklig und schwankt auch mit seinen Sympathien hin und her; das Erstaunliche, das Umfängliche an Shakespeare ist, daß er nicht ins Periphere bebt, sondern einen ursicheren Mittelpunkt hat, in dem er bei seinem Helden steht. Und von da aus dann mit einem Mal das Licht auf die tief Beschatteten im dunkeln Winkel fallen zu lassen, vom entschlossen erwählten und festgehaltenen Adel aus der Niedertracht ihre eigne Stimme aus dem Tiefsten hervorzuholen, das ist Shakespeares Gerechtigkeit, Stufenordnung und dramatische Kunst.
Nach Freiheit begehrt auch das Naturwesen, das zwischen Erde und Himmel flattert, Ariel der Luftgeist. Er gehört im beseelten Reich der Natur zu Blüten, die sich im Winde wiegen, zu Schmetterlingen und Schwalben, aber nicht zu Menschen. Und nur durch zartesten, schmeichlerischen, liebevollen Umgang, dadurch, daß er selbst sich frei, neckisch, heiter, schwingend seinem dienenden Freund anpaßt, kann Prospero in Güte und Herzensnähe mit dem ätherischen, zarten und doch — im menschlichen Sinne — seelenlosen Geistwesen leben. Nichts entzückender als dieses herrenmäßig ergebene immerwährende Kosen von Prospero zu diesem lebendig bewegten Stück Natur hin, das immer wieder fliehen will wie der Wind und sich doch immer wieder für eine Weile festhalten läßt; wir haben immer den Eindruck, daß kein Mensch außer Prospero diesen Freien, Beweglichen, der sich nie ganz gefangen gibt, an sich bannen könnte. Und wir haben den Eindruck: hat schon Prospero Caliban nicht erziehen können, Ariels in aller Naturschrecklichkeit natursanftes Wesen hat den Menschen Prospero, der als Anlage alles in sich trägt, in seinem Besten bestärkt und gehoben.
Ariel gibt allem, was in der Dichtung geschieht, den luftigen, heiteren, dem Geist der Schwere entronnenen Charakter; er ist die Kraft, die vor unsern Augen und im Hintergrund die Handlung mit wunderbarsten Mitteln, mit Sturm und Flammen und Liedern und Trommelschlag vorwärts bringt. Er ganz allein hat Sturm und Meereswut und Blitz und Brand auf dem Schiff hervorgebracht, und diese seine bloße Erzählung von dem Sturm und Feuer, wie es als Sinnenschein aus ihm, der geeinten Naturkraft hervorging, muß in der rechten Aufführung, die in diesem Stück noch weniger als sonst bei Shakespeare aufs Dekorative, noch mehr auf die Greifbarkeit des Geistes ausgehen muß, gewaltiger wirken als das Gewitter der ersten Szene; durch die Geteiltheit unsrer Sinne hindurch vernehmen und gewahren wir in Ariels Darstellung eine höhere Region der Naturwelt, Fechners drittes Reich, wo das, was Platon die Idee genannt hat, der Zusammenhang, das Schöpferische waltet:
Ich enterte das Schiff
Des Königs; jetzt am Schnabel, jetzt im Bauch,
Auf dem Verdeck, in jeglicher Kajüte