Ich bin Eu’r Weib, wenn Ihr mich haben wollt,
Sonst sterb ich Eure Magd; Ihr könnt mir’s weigern,
Gefährtin Euch zu sein, doch Dienerin
Will ich Euch sein, Ihr wollet oder nicht.
Das ist eine Stelle, die Strindberg ganz besonders wohl im Herzen tut, und er spricht sie gegen den Noramann, wie er Ibsen nennt, und alle Vorkämpfer der Frauenemanzipation aus; aber für einseitige und willkürliche Tendenzen wird man bei Shakespeare nur Unterstützung finden, wenn man unachtsam oder gewalttätig ist; dieses Gefühl, dem die Freiheit der Liebe Hingabe bis zur Dienstbarkeit ist, wird von Ferdinand dem Jüngling sofort für sich gerade so ausgesprochen, wie von dem Mädchen. Beide geloben einander die Ehe als gegenseitige Dienstbarkeit, welche der Liebe, das heißt der Freiheit entstammt. Es ist nicht zu übersehen, daß dieses Verhältnis zwischen Freiheit und treuem Dienst eines der Themen ist, die durch die ganze Dichtung hindurchgehn. Wir haben gesehen, wie Caliban ein geplagter Sklave ist, weil er in den Dienst des Guten gewaltsam eingespannt wird, und daß ausgelassener Jubel über ihn kommt, sowie ihm der Schnaps einen Herrn gebracht hat, den er in Freiheit verehrt. Und das haarfeine, in jedem Augenblick gewagte, gefährdete und wieder geknüpfte Verhältnis zwischen Prospero und Ariel haben wir kennen gelernt: Prospero, der Ariel aus schmählichster und ärgster Gefangenschaft befreit und ihn bei der Gelegenheit in seinen Dienst gezwungen hat, ist keinen Augenblick seiner sicher, da mächtiger noch als der Zauberbann und das gegebene Wort der Freiheitsdrang dem flüchtigen Geiste in der Natur sitzt; aber etwas, was zwischen dem Menschen und dem Elf gar nicht möglich scheint und keinem als dem Herrscher im Reich der Phantasie Prospero erreichbar ist, die Liebe ruft Ariel immer wieder aus der Flucht in den Dienst zurück, bis Prospero dem Liebling, dem Herzensariel freiwillig die Freiheit schenkt. All das, was Shakespeare uns da zur Letze gegeben hat, ist ein heiliges Vermächtnis für das Miteinanderleben der Menschen in Familie, Bünden und Gesellschaften und liegt als totes Gut unberührt da; all das ist uns Frevlern der Trägheit nur Literatur, Lektüre und Schauspiel; wir bleiben unsern Meistern, ob sie Shakespeare oder Goethe oder Beethoven heißen, die Religion schuldig, die sie uns geliehen haben, damit wir mit ihr wuchern.
Wir haben Shakespeare gegenüber eine Entschuldigung: er spricht nicht zu uns, nicht bloß, weil wir nicht hören, sondern, weil er ein Stummer ist. Nie hat die Erde einen getragen, dem das Schweigen, das Nichtredenkönnen mehr Gebot war als diesem Menschen. Das klingt erstaunlichst, denn nie auch hat einer größere Gewalt über die Sprache besessen und geübt, als er. All diese strömende Fülle aber hat er immer nur den Leidenschaften und krausen Einfällen, den Ergüssen und Repliken seiner Gestalten geliehen; den Sinn dessen, was zwischen diesen Gestalten waltet, den Geist seiner Dichtungen hat er szenisch gebaut, hat ihn gezeigt, hat ihn sichtbar gemacht und zwischen den Worten aufleuchten lassen; er hat nie vermocht, einer seiner Gestalten in den Mund zu legen oder sonst irgend voll und gerade heraus zu sagen, was das Drama, was auch nur eine Gestalt bedeutet. Darum aber auch, weil diese Sprachwerke in ihrem Eigentlichen weit über die Sprache hinausgehn, weil sie nie abstrakte Lösungen, sondern immer Aufgaben für uns sind, weil sie nie fertig sind, sondern immer auf Empfängliche und Berufene stoßen müssen, die sie in Empfindung und Verständnis vollenden, darum sind sie heute noch jung und neu wie am ersten Tag und sind jedem neuen Geschlecht der Erdenbürger von neuem eine unbekannte Küste, zu der wir Entdeckungsfahrten machen.
Auch das Verhältnis Prosperos zu seinem Bruder empfängt von dem Standpunkt aus, zu dem wir hier gekommen sind, neues Licht. Seine Frau, Mirandas Mutter, ist früh, bald nach der Geburt gestorben (dies Unglück trifft auffallend viele von Shakespeares Vätern; so nebenher, wenn er nicht gerade das Eheverhältnis selbst darzustellen hat, weiß er mit Ehefrauen selten etwas anzufangen); Prosperos ganze Liebe galt nun dem Kind und — er sagt es ausdrücklich — dem Bruder. Damals und noch lange hin, er bewährte es später bei dem Versuch, Caliban zu erziehen, war er noch ein Gläubiger, der die Menschen nach seinem Bilde sah und ihnen unbegrenztes Vertrauen entgegenbrachte. Nichts schmerzt und erzürnt ihn bei der Rückerinnerung mehr, als „daß ein Bruder so treulos sein kann“.
Treulos aber war dieser gemütlos Gierige nicht bloß gegen den Bruder, genau so gegen das Volk von Mailand, dem er die Freiheit raubte, das er unter fremdes Joch brachte, um selbst den Herrscher zu spielen und die Staatseinkünfte zu genießen. Wir erhalten ein großes Gegensatzbild: wie Antonio der Usurpator sich eifrig und nach außen tätig im politischen Betrieb übt, die Bureaukratie und andre Interessenten an sich fesselt und vor lauter Egoismus so betriebsam ist, daß er kein eigenes Leben lebt, während Prospero, der sich zu völliger Einsamkeit zurückgezogen hat, fern von allen Staatsgeschäften nur seiner Seele lebt und eben damit dem Volke dient und sich als echter Herzog fühlt. Er, den das Volk über alles liebte, der ein Fürst unter den Menschen war, weil er ein Fürst im Reich des Geistes war, hat dann, während, vom Verräter hineingelassen, der Feind in Mailands Tore einzog, ausgesetzt in morschem Boot hilflos im Meer treiben müssen, und nur das Lächeln seines Kindes, in dem etwas Ewiges zu ihm sprach und ihm die Zuversicht gab, man brauche an den Menschen trotz allem nicht zu verzweifeln, gab ihm die Kraft, noch leben zu wollen. Damals, wie er, den Wellen und Winden preisgegeben, ein aus der Menschheit Verstoßener, vom nächsten Menschen Verratener, ziellos mit dem lächelnden Kind übers Meer hintrieb, mag dem innigen Mann zuerst die Vision erschienen sein, wie dieses Kind einst über Gier und Haß hinweg im Land seiner Feinde den Bund der Liebe gründen würde. Und nun ist es durch eine wunderbare Fügung des Schicksals so weit: jetzt kommen, von Tunis heimgekehrt, wo die Tochter des Königs von Neapel eine verhaßte Heirat schloß, zu der sie die Staatsraison ihres Vaters zwang, die Feinde in stolzer Fahrt über dasselbe Meer, das einst Prosperos elenden Kahn wiegte; sie sind in seiner Hand. Ferdinand, der Jüngling, fast ein Knabe noch, dessen Reinheit der Geisterfürst ahnt, wird von den andern getrennt; er allein von allen, die sich ins Wasser stürzten, kämpft kühn mit dem Element; so kommt er an Prosperos Strand, zu seiner Prüfung und seiner Liebe. Wir sehen, wie beglückt Prospero, wie dankbar er der Naturmacht Ariel ist, daß dieser erwünschte Bund nun wunderbar zustande kommen soll. Die andern aber, die Mörder, die sollen erst durch Wahnwitz hindurch, sollen wie im Alptraum ihre längst vergessene Schuld an Prospero empfinden, um in Herzensleid zu büßen und, wenn sie’s vermögen, zu reinem Leben zu kommen.
Bei einem, dem mindest Schuldigen, dem König von Neapel gelingt es; noch ehe Ariel in Gestalt der Harpyie ihnen gemeldet hat, daß sie um ihres Verbrechens gegen Prospero willen leiden und nur durch Umkehr von innen heraus sich aus dem Bann befreien können, noch ehe ihnen der Geist so verkündet, was sie in all der langen Zeit nicht gewußt hatten, daß der Frevel nämlich eine Wirklichkeit ist nicht nur für den, gegen den er sich richtet, sondern auch für die Täter, eine Wirklichkeit, die lebt und zehrt, solange die Buße nicht ihr noch stärkeres Leben und Reinigen anhebt, schon vorher, gleich nach der Landung auf der Insel und beim Verlust des Sohns ist tiefe Schwermut und dumpfes Brüten über ihn gekommen; all die Einfälle, Witzreden und geistreichen oder gewagten Gespräche seiner Umgebung vermögen ihn nicht aufzuheitern und dienen von der Technik des Dichters aus nur dazu, uns immerfort das Schweigen dieses Mannes, der sich immer tiefer verliert und findet, vernehmlich zu machen. Die andern Schuldigen, Prosperos eigener Bruder und der Bruder des Königs, die jetzt eben wieder Brudermordpläne schmieden, welche nur von Ariel vereitelt werden, bleiben verstockt bis zuletzt, und keine Erinnerung, keine Musik, kein Wahnwitz, keine Mahnung kann ihnen Erneuerung bringen.
Aber Prospero will die Prüfung und Plage nicht länger hinziehn; er hat sich genug getan, daß er die Macht des Geistes und der Natur gegen die aus der Gesellschaft geborene Schlechtigkeit verderbten Menschentriebs zum Sieg geführt hat; die Natur solcher ererbten, verderbten Gemütsart kann er doch nicht ändern; die Kruste, die in ihnen das Gute überwachsen hat, ist so hart geworden, daß der, der es noch bei ihren Lebzeiten wachrufen will, einem Nichts, einem unerreichbar Verschütteten gegenübersteht; und gegen das Nichts gibt es nicht Rat noch Tat; der resignierte Lehrer Calibans weiß es nur zu gut.