Von ihrer Not? und sollte nicht ich selbst,

Ein Wesen ihrer Art, gleich scharf empfindend,

Leidend wie sie, mich milder rühren lassen?...

Der Tugend Übung

Ist höher als der Rache... Geh, befrei’ sie.

Ich brech’ den Zauber, löse ihre Sinne:

Sie soll’n sie selbst nun sein.

Ich weiß nichts, was rückwirkend eine bessere Erklärung für Hamlet wäre, als diese Wendung, wie sie der Sturm bringt. Wir werden nie wagen dürfen, zu entscheiden, wie weit die Unklarheit Hamlets über seine Motive und seinen heimlichen Willen eine Unklarheit des Dichters noch war, die jetzt der Klarheit gewichen ist; zu solchem Rätselraten hat sich Shakespeare zu tief in seinen Gestalten geborgen. Aber sicher ist, daß Hamlet, als er, die Hand am Schwert, um es zu ziehen, und zugleich an seinem Rachetrieb, um ihn nicht loszulassen, unentschieden dastand und darüber sann, wie er das Schwert schrecklicher zücken könne, auf der Suche nach dem war, was Prospero gefunden hat. Sehr seltsam dünkt mich das Verhältnis unsrer Empfindung zu den raschen Instinktuntaten, wie sie etwa Othello oder auch Hamlet begehen, und zu den wohlerwogenen, milden, kurzen Plagen, die Prospero über seine frevlerischen Feinde verhängt. Wir scheinen geneigt, mit jenen Ausbrüchen der Wut wie mit etwas Natürlichem mitzugehn, uns an den Strafen Prosperos, ja sogar an seinem rationellen Plageverfahren gegen den unbezähmbaren Wilden Caliban als etwas sehr Hartem zu stoßen. Das kommt, meine ich, daher, daß wir selbst die Bereitschaft zu jeder blutigen Gewalttat in uns locker genug finden, wenn wir in unsrer Triebnatur stehen, daß wir es aber, sowie wir zur Vernunft, zur Beherrschtheit, zur Abgeklärtheit übergetreten sind, nicht ertragen, irgendein lebendes und nun gar menschliches oder menschenähnliches Wesen als Mittel, ja sogar, ein Stadium seines Daseins als Mittel zu einem künftigen benutzt zu sehen. Wir haben beides als Möglichkeit in uns, den Affekt und die Vernunft; wir gehen aber in unbeirrtem Mitgefühl mit dem Triebmenschen, während wir beim Überlegenen jeden, auch den kleinsten Rest aus der tierisch-sinnlichen Sphäre als unangenehm empfinden.

Im Hamlet hat eine Geisterstimme den Sohn, der seiner ganzen Anlage nach so ein Geistiger, so ein Dichter zu sein berufen ist wie Prospero, zur Rache aufgerufen; zu blutig mörderischer Tat drängt’s ihn unterirdisch von außen, unterirdisch in ihm selbst; von seiner inneren Höhe aber, von seinem besten Wesen ruft es ihn zur Gewalt der gestaltenden Rede, des strafenden, bannenden Worts, zu dem jetzt Prospero mit tiefem Atemzug ausholt. Und zu diesem Verzicht auf jegliche Strafe und Plage ermuntert hat ihn Ariel der Geist, dem Grazie und spielerische Leichtigkeit und holde Anmut etwas verleihen, was wie eine natürlich gewachsene Nachbildung des sanftesten Teils unsres menschlichen Gemüts ist, wo es von der Stille der Vernunft, wo Seele von Geist, Gefühl von Denken nicht mehr zu trennen ist.

Wozu auch, sagt sich Prospero, wozu strafen, verletzen, töten, Leben zerstören? Ist ja doch alles Leben nur ein seltsames Spiel, das mit uns getrieben wird, und so unwirklich und vergänglich, wie der Geisterspuk und Hokuspokus, den er selbst schmerzlos entstehen und vergehen läßt. Schmerzlos! Das ist der Unterschied zwischen dem Leben der Gestalten, die der Phantast in die Lüfte zaubert, und derer, die das dunkle Schicksal aus den Elementen ins Dasein bannt. Darum tut Milde und inniges Mitleid not, auch gegen die Schlechten: das Leben, an dem die dämonischen, erdenschweren Naturkräfte hämmern und zerren, ist mit Gefühlen, mit Schmerzen verbunden, gleichviel ob einer gut oder schlimm geraten ist, während Prosperos luftiger Trug nur Spiel und bunter, flimmernder schmerzloser Geistertraum ist. Sonst aber freilich, was ist Leben, was ist Erde, was ist Welt andres als Traum und Spiel?