Fragen wir jetzt im ganzen: ist die Theorie nötig? — ist sie möglich?
Nötig ist sie denen, denen Shakespeare der Stratforder zu ungebildet ist. Sie meinen, diese Dichtungen müßten einen Aristokraten, einen Gelehrten, einen Akademiker zum Verfasser haben. Ein greuliches Überschätzen der Bildung schulmäßiger Art tritt zu Tage.
Die meisten aber gehen noch weiter und sagen: gewisse gemeine, pöbelhafte, volkstümliche, komische Elemente in den Stücken stammten von Shakespeare dem Schauspieler; die edlen Teile hätte der Lord und Gelehrte verfaßt.
Damit ist aber dem Dichter Shakespeare Wesentliches genommen, nicht bloß seine zeitliche Bedingtheit, seine Konzessionen an den Zeitgeschmack, seine Müdigkeit und Lässigkeit, die Derbheit, die ihn mit der Zeit verbindet — worauf ich aber auch keineswegs verzichten möchte — sondern seine Allseitigkeit, sein Aufsteigen, seine gegensätzliche Art zu charakterisieren und den innern Sinn der Handlung herauszuarbeiten.
Und wo soll man da, wenn man ihm die Clown-, die Wirtshaus-, die Bordellszenen nehmen will, anfangen und aufhören?
Und wozu? Das ist eine ganz blaustrumpfmäßige Art, den „Tichtēr“ aufzufassen.
Jetzt aber das Entscheidende: die Frage nach der Möglichkeit der Theorie.
Sie ist nicht möglich. Die Zeugnisse für die Identität des Dichters mit dem in London lebenden, aus Stratford stammenden William Shakespeare sind zahlreich und unumstößlich.
Der Dichter William Shakespeare hat seine Gedichtbücher Venus und Adonis und Der Raub der Lucretia selbst herausgegeben und — was ohne des Grafen Erlaubnis nicht möglich war — dem Grafen Southampton gewidmet. Und grade die sind mit glänzendem Verstalent, mit Anschauungen und Wendungen, wie sie in den Dramen wiederkehren, in der modischen, gelehrtenhaften, klassisch eingekleideten Art verfaßt.