— — —
O Schwester! laß mich leben!
Was für des Bruders Leben du auch tust,
Oh, die Natur rechtfertigt es so sehr,
Daß es zur Tugend wird.
Erst war die Schwester bei diesen apokalyptischen Bildern von den unausdenkbaren Schrecknissen, die der Seele im Tode warten, unnennbar erschüttert worden, ins Gewissen hinein; was kann den fühlenden Menschen schwerer treffen, als wenn er aktiv hilflos sein muß: wenn er physisch erretten könnte, aber angesichts bitterster Not in dem moralischen Entschluß steht, stehn muß, nichts zu tun? Wie Claudio dann aber seinen fassungslosen Jammer in diesen Anruf münden läßt, da schlägt all ihre Innigkeit in lodernde Empörung um. Über alle Grenzen setzt ihre Verachtung gegen diesen Wicht vor ihr, der um diesen Preis sein Leben erhandeln möchte. Sie spricht ihm endgültig das Todesurteil; sie kann ihn nicht retten; das wußte sie vorher; er verdient nicht zu leben; das empfindet sie jetzt und sagt es ihm.
Da tritt der Herzog dazu. Was hat er gehört! Von all diesen Zusammenhängen, von seinem Statthalter Angelo!
Die Probe lehrt,
Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.
Er hat’s geahnt, als er das sagte; diese drei, Angelo, Claudio und Isabella, sind geprüft worden und haben ihr Innerstes, ihr Äußerstes gezeigt; über ihre Grenze gegangen sind sie — alle drei. Nun ist’s höchste Zeit, einzugreifen, nach dem Rechten zu sehn und diese verirrten Menschenkinder zu ihrem Maß zurückzuführen. Angelo zwar — das muß noch näher untersucht, muß sehr behutsam behandelt werden. Die entfernte Möglichkeit, daß er das Mädchen nur prüfen wollte, liegt immerhin vor; und sehr wahrscheinlich ist es zum mindesten, daß er sich so ausreden würde.