Staunt und grübelt nicht darüber, wie dies alles zugeht. Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.

Sie zur Erkenntnis zu bringen, in ihrer innern Beschaffenheit und ihrem Zusammenhang, ist die Bestimmung des fünften Akts. Innerlich ist für uns schon beruhigte Entspannung da; wir sehen in dieser einen Szene, in der Shakespeare, wie öfter, nach den verwandlungsreichen früheren Akten alle Verwirrungen zur vollen Höhe häuft, ehe er sie löst, guten Muts zu, wie die Personen des Stücks, zumal Angelo und Isabella, vom Herzog noch gehörig auf die Folter gespannt und dann mit Enthüllungen überrascht werden, mit denen allen wir vom weisen Dichter dieses Lustspiels schon lange bekannt gemacht worden sind. Angelo und Isabella! In ganz anderm Sinn, als der junge Wüterich meint, bilden auch sie denn doch ein Paar. In beiden ist die Tugendstrenge seltsam nach Art und Grad verschiedene Irrwege gegangen; die Nonne, die es bis zum wildesten Ausbruch der Unbarmherzigkeit bringt, ist eine adlige Seele trotzdem; der vom Herzog zur Probe zum Fürsten erhöhte, dadurch zum Tyrannen gewordene, zwischen Idealismus, Abstraktionshärte und ichsüchtiger Schnödigkeit hin und her irrende unfertige junge Mann ist, wir sollen’s nun erleben, nicht minder in seinem besten Wesen ein adliger Mensch.

Der Herzog hat, ehe er in Wien wieder einzog, verkünden lassen, wer irgend sich über erlittene Unbill zu beschweren habe, solle es sofort bei seinem Einzug tun; unverzüglich, wenn der echte Herr das Regiment wieder antritt, soll reiner Tisch gemacht werden. Kaum hat er denn den Statthalter mit Worten höchster Achtung über seine gerechte Verwaltung des obersten Amtes beglückt, so tritt die trauernde Isabella auf und fordert, immer das eine Wort wiederholend, mit lauter Stimme, was in diesem Staat durch Angelo so streng durchgeführt worden sein sollte:

Recht, ja Recht, Recht, Recht!

Mariana, hat der Mönch ihr geraten, soll außer Spiel bleiben; so beschuldigt Isabella Herrn Angelo genau dessen, was er selbst glaubt, an ihr begangen zu haben. Was tut er, der hochgeehrt neben dem Herzog sitzt, auf diese entsetzliche, gegen einen Mann wie ihn jedoch höchst unglaubwürdige Anklage hin? Was wir alle täten, wenn wir erst Schritt für Schritt uns so mit dem Bösen eingelassen hätten: er leugnet alles, mit frecher Stirn, und erklärt, Isabellas Verstand habe seit dem Prozeß gegen ihren Bruder gelitten. Merken wir hier nur darauf: vor dem Buchstaben des Rechts hat Angelo kein andres Verbrechen begangen als das gegen Isabella, und das hat er, wir wissen es, nicht begangen; Claudio war dem Gesetz verfallen, und er hat’s dabei gelassen; es ist kein Recht gebeugt worden. Und da kommt nun eine und schreit hinaus, um ihren Bruder, wie es der Statthalter selbst bedungen hätte, zu retten, hätte sie dem ihre Ehre preisgegeben; aber der Bruder ist ja hingerichtet worden; wer wird solches wirre Zeug glauben? So scheint es ganz in Ordnung, daß der Herzog die Anklägerin bis zur weitern Prüfung der Sache ins Gefängnis abführen läßt; um wahnsinnig zu sein, redet sie wieder zu klar; es scheint eine Verschwörung gegen Herrn Angelo vorzuliegen, der von dem heillosen Schmutz, wie er da gegen ihn geworfen wird, so wenig berührt werden kann, daß der Herzog ihn auffordert, in dieser seiner eigenen Sache selbst Richter zu sein.

Was für eine Verwirrung tritt aber nun ein, als von einem Vertrauten des Herzogs, dem Mönch Peter, geleitet, eine Zeugin auftritt, die Herrn Angelos Alibi auf die seltsamste Art beweisen soll: da stellt sich eine hin, die sich für weder verehlicht noch Mädchen noch Witwe und dann gar für des Statthalters Gattin erklärt und bezeugt: just zu der Stunde, wo Herr Angelo Isabella fleischlich beigewohnt haben solle, sei er in ihren Armen gelegen. Gegen diese Behauptung, gegen diese Anklage, die als Verteidigung auftritt, kann sich Angelo nun mit bestem Gewissen verwahren; und das hilft ihm, viel freier als zuvor, fast mit Lächeln über so viel Tollheit, alles zu leugnen, auf die Vermutung des Herzogs einzugehn und dies schamlose Auftreten zweier Weiber gegen ihn, der jetzt eben das Land von der Unzucht gereinigt, auf ein niederträchtiges Komplott zurückzuführen. Er ist auch klug genug, den Vorschlag des Herzogs, Richter in eigner Sache zu sein, in diesem Augenblick, wo die Sache für ihn so günstig steht, anzunehmen. So kann der Herzog, um seinem bisherigen Statthalter sein ganz besonderes Vertrauen zu bezeigen, sich von der Gerichtsstelle, zu der dieser freie Platz vor dem Tor geworden ist, entfernen, ohne daß es jemand auffällig finden darf. Welch köstliche Motivierungskunst in einer auch für den Dichter fast unmöglich scheinenden Situation; was für eine leichte, spielende Hand; wie ist das, womit motiviert wird, das Auskunftsmittel des Dichters, daß der Statthalter seinen Fall selbst zu richten bekommt, für den Gang der Handlung entscheidend wichtiger, als was zu motivieren notwendig ist: daß der Herzog fortgeht, damit er in Gestalt des geheimnisvollen Mönchs wieder erscheinen kann.

Der Mönch erscheint und braucht stärkste Worte, erst gegen den Herzog — sich selbst —, der einen Schurken in eigner Sache richten läßt, dann gegen diesen Elenden nicht nur, der immer noch als oberster Richter auf dem Thron sitzen darf, sondern im allgemeinen gegen die Widersprüche zwischen dem Moral- und Gesetzsystem, das im Reich herrscht, und den wirklichen Zuständen. Er mußte sehen,

wie hier Entartung kocht und brodelt,

Ja überschäumt; für jeden Fehl Gesetze,