Nun merkt er die Schranken, die Gleichheit alles dessen, was von Menschenhaut umspannt ist; seine Hand „riecht nach Sterblichkeit“. So hatte es Richard gesehen:
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:
Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,
Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.
So unterworfen, — kann ich König sein?
Und jetzt, wo Lear weiß, was der nackte Mensch ist, jetzt weiß er auch, wie in dieser Welt der Kostüme, der Lüge, der Politik von Würdenträgern, Beamten, Richtern Unrecht geübt wird. Hör’ zu, blinder Mensch im Staub, der du dich freiwillig von der höchsten Klippe hinunterwerfen mußtest, um zu dir selbst zu kommen, hör’ zu, wie dein König auf Elends- und Wahnsinnswegen aus dem Lager seiner politischen Töchter hinweg endgültig zu Cordelia, zur Menschheit, zur Echtheit heimgefunden hat! Was hat er denn selber in seinem Königsornat geübt? Willkür! Laune! Und seine Beamten? Ach, du Blinder, das kannst du merken, ohne zu sehen. Hör’ nur hin, wie der Richter sich über den armseligen Dieb erhebt!
Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der Richter, wer der Dieb?
Er gewahrt alles in bewegten Bildern, er erlebt die Wahrheit in lebendiger Aktion:
Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler angebellt hat? — Ja? — Und der Tropf lief vor dem Hund davon? — Da hast du das große Bild der Autorität: einem Hund im Amt gehorcht man.