Da kommt es in der Tat noch zur Versöhnung der Triumvirn: die Ehe des jung verwitweten, der Cleopatra entflohenen Marc Anton mit Octavia, auch einer Witwe, der Halbschwester des Octavius, wird gestiftet, und er zaudert nicht, darauf einzugehen.
Auch mit Pompejus wird ein Ausgleich zustande gebracht: der erhält Sizilien und Sardinien.
Und Antonius steht groß da, wie sein Feldherr drüben in Asien gegen die Parther siegt.
Aber kaum ist er in seiner besonderen Provinz, in Griechenland, da bricht der Streit mit Octavius neu und nun erst recht aus: der geht nun aufs Ganze; als echter Politiker betrachtet er Friedensverträge lediglich als unerläßliche Stadien des Krieges: der Krieg gegen Pompejus ist im geeigneten Augenblick wieder losgebrochen; Pompejus wird darin ermordet; auch der Mitherrscher Lepidus ist jetzt reif; er wird ins Gefängnis geworfen.
So rüstet denn Antonius zum Krieg gegen Octavius; wie schon alles auf des Messers Schneide steht, erlaubt er seiner Frau, nach Rom zu reisen: es bleibt alles im Unbestimmten, wie sich’s für eine so politische Ehe gebührt: halb reist sie zu einem fast aussichtslosen Versuch der Vermittlung, halb weil ihr, wenn’s denn zum Krieg kommen soll, der Bruder näher steht als der Gemahl, der sie nur so für eine Zwischenzeit genommen hat, wie der Vertrag mit Pompejus ad interim geschlossen worden war; in Antonius’ unterirdischen Bezirken wühlen aber, auch sie freilich noch gemischt aus Politik und Brunst, noch ganz andre Motive: kaum ist sie weg, bricht auch er auf — nach Ägypten.
Man blickt bei Shakespeare völlig schon in das wahre geschichtliche Verhältnis hinein; was ein paar Jahrhunderte später kommen mußte, der Zusammenbruch des großen Reiches, die Trennung in Ostrom und Westrom, in die byzantinisch-morgenländischen und die lateinisch-abendländischen Gebiete, das spielt hier vor. Antonius stützt sich ganz, in der äußern Politik wie in der seiner eignen Natur gemäßen seelischen Haltung, auf die östlichen Königreiche: Griechenland, Zypern, Lydien, Medien, das Partherreich, Armenien, Syrien, Kilikien, Phönikien, Libyen, Kappadokien, Judäa usw., die alle in Shakespeares Stück an ihrem Orte mit Namen hervortreten. Das orientalische Leben, dessen Repräsentantin Cleopatra ist, steht ihm an, weil er sich nach Natur wie nach Plan als Herrscher dieses ungeheuren Reiches im Orient fühlt und von da aus, auf dieses sein eignes Gebiet gestützt, den Kampf gegen Octavius ums Weltreich führen will. Wäre durchgedrungen, was sich da regte, so wäre Alexandria so die Hauptstadt der Welt geworden, wie später Byzanz; Rom aber wehrt sich und behauptet sich. Wir sehen, wie Tüchtigkeit, Nüchternheit, kriegerisch-geordnetes Wesen, zweckvoll logisches, planvolles Staatsregiment sich im Westen unter Führung des Octavius, des berufenen Erben Julius Cäsars und der Republik, aufbaut, während eine im Orient wurzelnde Welt, repräsentiert durch den Griechenrömer Antonius und die Ägypterin Cleopatra, den Luxus und Lebensgenuß, die Ruhe, die lässige Beschaulichkeit, das Ästhetische, die triebhafte Willkür und Laune wählt und zum Siege führen will. Wir sehen schon hier, schon im voraus: es ist viel, was mit diesem Paar Antonius und Cleopatra zugrunde geht, und diesmal bildet die Geschichte nicht, wie wohl in solchen Stücken wie Othello oder Romeo und Julia, bloß eine Art Hintergrund der Landschaft und Temperatur, sondern das Besondere der Seelenzustände und Leidenschaften dieser Menschen und aber das Allgemeine der geschichtlichen Verhältnisse sind hier so innig in einander gehörig, wie für dieses durch Liebe wie Politik zusammengeschmiedete Paar Seelenliebe, Sinnlichkeit, Glanz, Üppigkeit und Macht nicht von einander zu scheiden sind.
Der Entscheidungskampf ist denn nicht mehr hintanzuhalten: große Landheere und Flotten stehen einander bei Actium gegenüber. Cleopatra mit ihrer Seemacht nimmt an der Schlacht teil — und flieht; Antonius mit seiner gesamten Flotte hinter ihr her — und die Schlacht ist zu Cäsars, zu Roms Gunsten entschieden. Octavius, mit einer ganz unerwarteten, kühnen Geschwindigkeit, deren sich zumal Antonius von ihm nicht versehen hatte, verfolgt sofort. Geht auch ein Treffen auf dem Lande bei Alexandria für Antonius zunächst, dank seiner und seiner Generale und Soldaten persönlicher Tapferkeit, günstig aus, so ist doch nichts mehr zu hoffen: es ist nur der groß-verzweifelte Kampf ums ruhmvolle Ende; und wie er — fälschlich — hört, Cleopatra sei tot, bringt er sich um; und Cleopatra stirbt ihm nach.
Der Westen hat gesiegt; die Einheit des Reiches ist, mühsam genug, vorerst bewahrt; Octavius Cäsar Augustus ist als alleiniger Imperator übriggeblieben; ein Kaisertum hebt an, in dem vorerst das Erbe republikanisch politischer Rechnung mächtiger ist als das orientalisch üppige Machthabertum, das Antonius gebracht hätte.
Das ist der bewegte, der wahrhaft lebendig bewegte Hintergrund der Tragödie: ein Film größter, riesenhafter Art.