Und von der Barke trifft

Ein seltsam unsichtbarer Duft die Sinne

Der nahen Ufer...

Da haben wir sie allererst, Cleopatra die Nilschlange! Der Hörer des Stückes freilich vernimmt diese begeisterte Erzählung des sonst so ruhig-klugen Feldherrn Enobarbus erst, nachdem er die Königin schon in schönen und häßlichen Launen leibhaft kennen gelernt hat. Seltsam und ganz in der Art großer Dichter, so indirekt fast, wie Homer die Helena in ihrer Wirkung auf die trojanischen Greise geschildert hat, ist es, wie wir in diesem Bericht über die Jugend der Schönen, die wir vor Augen haben, mehr von ihrem Milieu, ihrem Dunst und Duft hören als von ihr selbst, mehr von ihrer Wirkung als von ihrer Erscheinung, und mehr von Kunst als von Natur!

Ihrer äußern Erscheinung aber werden wir Leser besser durch die Szene habhaft werden, wo sie sich ihre Nebenbuhlerin Octavia schildern läßt; eine echte Cleopatra-, auch eine echte Shakespeare-Szene das; aus ihren Ablehnungen der Eigenschaften Octavias erfahren wir, für welche eignen sie sich selber zulächelt: demnach ist Cleopatra eine hohe, schlanke Erscheinung, voll graziöser Bewegung; das Gesicht ist oval, der Teint dunkel — eine Zigeunerin wird sie genannt; die Stimme aber ist hell und zart. Sie wirkt königlich und weiblich; bezwingend, verführend vor allem durch Hinfälligkeit.

Dies ist nun ein wesentlicher Zug an diesem Geschöpf, der, glaube ich, bisher nie richtig gedeutet worden ist. Um ihn zu gewahren, haben wir zunächst darauf zu achten, daß die Menschen sich in ein paar Jahrhunderten oder auch Jahrtausenden nicht eigentlich, nicht im Grunde ändern; gewisse Ausdrucksformen, Kleider, Moden und vor allem Bezeichnungen und Deutungen ändern sich, aber nicht Wesenszüge, weder normaler noch abnormer Art; und es macht kaum einen Unterschied, ob wir, darauf nun aufmerkend, den Blick in Shakespeares oder in Cleopatras Zeiten richten. Frauennaturen, wie sie uns heute begegnen, wie wir sie heute kennen — was man so kennen heißt —, hat es auch damals gegeben. Ich glaube nun zu gewahren, ja, ich bin mir sicher, daß Shakespeare, wohl der größte Menschen- und vor allem Frauendurchschauer, den wir haben, in Cleopatra eine Frau dargestellt hat, die wir besser verstehen, wenn wir sie in den Kreis der Frauengestalten aufnehmen, wie sie in der uns vertrauten Sprache und in direkter Schilderung zuerst Stendhal und dann vor allen Dostojewskij geschildert haben.

Ja, Shakespeares Cleopatra gehört zum Geschlecht der Aglaja Epantschin und der Nastasja Filipowna aus dem Idioten und vor allem der Gruschenka und der Katharina aus den Brüdern Karamasoff. Nur daß sie zu all der Hoheit, die bei ihr wie auch bei diesen Frauen aus mannigfachem Erliegen und sklavischem Hingeben, aus arger Erniedrigung sich immer wieder aufbäumt, noch die Stellung einer echten Königin hat, mit Macht, Üppigkeit, fabelhaftem Reichtum umgeben, und daß ihr Geliebter der Imperator ist.

Sprechen wir das Wort nur aus: eine sinnlich, seelisch, geistig reich begabte Hysterische ist diese Zigeunerin und Königin aus dem Lande Ägypten, eine Hysterische von der strahlend reichen, schimmernden Gattung, die Männer verschwenderisch verbraucht und Männer zauberhaft anlockt; der Gattung, der gegenüber Worte wie Wahrheit und Lüge, ja sogar, Natur und Kunst unzulängliche Ausdrücke werden.

Das entscheidende Wort, von dem aus die Gestalt aufzubauen ist, fällt im vertrauten Gespräch zwischen Antonius und seinem ersten Feldherrn und nächsten Freund Enobarbus. Antonius ist entschlossen, Cleopatra zu verlassen; es ist höchste Not, in Italien nach dem Rechten zu sehen; die Nachricht von Fulvias Tod hat ihn aufgestört, hat positiv und negativ ihre Wirkung getan; denn einer der Gründe, warum er ganz in diesem ägyptischen Weibe wie in einem Versteck und einer Vergessenheit untergetaucht war, besteht nun nicht mehr: seine Ehefrau, dies kriegerische Mannweib, vor dem er Respekt in jeder Hinsicht, wahrhaft Angst nämlich gehabt hat, ist nun tot. Wie Antonius ihm diesen Entschluß eröffnet, meint Enobarbus bedenklich: O weh! Da stirbt Cleopatra, sowie sie’s hört, auf der Stelle! Und ihre Frauen, ja, die leben ja in so einer Art bei weiblicher Freundschaft bekannter Mimikry mit der Existenz ihrer Herrin, die werden ihr eilends nachsterben! Damit will der Kauz, der zynische Sprache als Panzer gegen die Welt sich angelegt hat, sagen: Was wird es diesmal für eine Szene geben! Wie wird sie in Ohnmacht fallen!

„Ich habe sie zwanzigmal sterben sehen bei weit armseligerm Anlaß. Es muß, denk’ ich, ein feuriger Stoff im Tod liegen, der irgendwie einen Liebesakt auf sie überträgt, sie hat so eine Schnelligkeit im Sterben!“