„Forscht nach dem Namen nicht!“ und „Hier lieg ich, Timon,“ — das erinnert doch gar zu sehr an die Legende von dem hilfreichen Mann, der sich von der armen Frau mit den Worten verabschiedete: „Meinen Namen werdet Ihr nie erfahren; ich bin der Kaiser Josef“, als daß wir eine so überhomerische Schläfrigkeit Shakespeare zutrauen dürften. Indessen ist die Textgestaltung, die wir haben, uns nicht von Shakespeare selbst vorgelegt; je zwei von diesen vier Versen bilden eine in sich fertige Grabschrift, die beide Male nichts vorher und nichts nachher erfordern; es besteht also die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Fassungen überliefert waren, die von den Herausgebern der Folio törichterweise beide gedruckt wurden. Allerdings brauchte man sich mit dieser Abweisung noch nicht zufrieden zu geben, könnte vielmehr sagen, auch wenn man die Grabschrift halbiere, bleibe doch jede, die zur Auswahl stehe, ein gleichermaßen elend versifiziertes Sprüchlein, das in seltsam kindlichem Widerspruch stehe zu der sprühenden Geist- und Sprachgewalt Timons. Ist ein so kümmerliches Gemächte Shakespeare als Krönung eines Stückes, in dem in den Hauptszenen eine so prachtvoll starke Sprache geredet wird, zuzutrauen? Darauf aber kann ich nicht ohne weiteres glatt Nein sagen; ein sehr seltsamer Umstand macht mich betroffen. Wir haben eine andere Grabschrift, von der eine gut beglaubigte und nicht leicht zu verachtende Tradition behauptet, Shakespeare habe sie gedichtet oder zum wenigsten bestimmt: Shakespeares eigene nämlich, wie sie sich auf seinem Grab in der Pfarrkirche zu Stratford befindet. Die ist nicht nur gerade so kläglich, sondern auch in der nämlichen Art elend: in weinerlichem Bänkelsängerton gehalten, der, wenn er nicht Persiflage ist, gewiß mehr an Jahrmärkte erinnert als an die hohe freie Würde und Ausdrucksgewalt Shakespeares. Und dabei können wir uns daran erinnern, daß dieser volkstümliche und kindlich einfältige Leierton, wie er auch von Gower in den Prologen zu Perikles gesprochen wird, auch sonst manchmal von Shakespeare zur Zusammenfassung an solchen Stellen gewählt wird, wo das Ernste und Furchtbare aus der Form des Spielerischen nicht hinausfallen soll, zum Beispiel in Verschen, die in Maß für Maß der Herzog zu sprechen hat.

Ich bleibe also dabei: man kann das Rätsel Timon teils lösen, teils, weil es sich mit anderm Rätselhaften in Shakespeares letzten Lebensjahren eng berührt, Rätsel lassen, ohne einen zweiten Verfasser zu bemühen.

Um die äußern Daten der Textüberlieferung steht es sehr einfach: wie viele andre Stücke ist Timon für uns erstmals in der ersten Folio von 1623, und zwar als vierte der Tragödien gedruckt worden. Wann das Stück zuerst auf der Bühne erschien, ob es bei Shakespeares Lebzeiten auch schon erschien, wissen wir nicht. Ein andres Stück Timon in der Art gelehrter Schulkomödien, das aus dem Jahr 1600 stammt, ist bekannt; es hat gar keinen Berührungspunkt mit unserm Drama.

Von Timon muß Shakespeare eine Erwähnung in Plutarchs Antoniusbiographie gelesen haben; da findet sich auch der Name des Zynikers Apemantus. Dann ist der Stoff von William Paynter, den Shakespeare auch sonst benutzt hat, als Erzählung behandelt worden. Einige Züge stammen — gleichviel, wie sie auf Shakespeare kamen — aus den Dialogen Lucians.

Das Stück zerfällt in zwei parallele Teile, deren erster den reichen und mächtigen, der zweite den durch seine verschwenderische Freigebigkeit verarmten Timon zeigt. Die Erfahrungen, die Timon macht, sowie er arm wird, stürzen ihn nun ganz plötzlich, ohne jede Vorbereitung oder Überleitung, in grimmigsten, schimpfenden Menschenhaß, er geht in die Einöde, in Wald und Höhle, und hat auch für die, die ihm treu geblieben sind oder nichts zu Leide getan haben, keine rechte, keine schöpferische Liebe mehr.

Man erhält gar sehr den Eindruck, daß das übrige Stück nur rasch und leicht hingeworfen ist um der maßlos ausschweifenden Haß- und Schimpfreden Timons gegen das Menschengeschlecht willen. Daneben geht noch eine locker und schlecht mit der Haupthandlung vernestelte Kontrasthandlung: die Athener zeigen sich auch gegen ihren Feldherrn Alkibiades undankbar; der aber flieht sie nicht, sondern führt Krieg gegen sie und besiegt sie.

Alle ziehen sie aus dem reichen Timon, der nur so drauf los schenkt und übrigens auch geistig einer aus der Zunft von der „schenkenden Tugend“ ist, da er sich durch weisen Rat ums Vaterland verdient macht, ihren Vorteil: Staatslenker, Hausfreunde, Wucherer, Tellerlecker, Juweliere, Maler, Dichter; alle umschmeicheln ihn und er merkt keine Falschheit, lebt vielmehr in Freude und Harmonie, weil er Gutes tun und beglücken kann:

Wozu wären uns Freunde nötig, wenn wir sie niemals in der Tat nötig hätten?... Ja, ich habe mich oft ärmer gewünscht, um euch näher zu kommen. Wir sind geboren, Gutes zu tun, und was nennen wir wohl besser und eigentlicher das unsrige als die Reichtümer unsrer Freunde?

Diese Freunde beschenken ihn denn auch in der Tat sehr reichlich; er merkt bloß nicht, daß sie es lediglich tun, weil sie sicher sind, noch mehr von ihm zurückzuerhalten.