Der bloße Kampf ums Dasein gräbt andere Furchen und Linien in die Haut.
Er mußte an Kupferstiche denken, die die Pestorgien und Tänze des Mittelalters darstellten, und dann wieder an Vogelschwärme, die, das Kommen eines Erdbebens spürend, lautlos und in dumpfer Angst über der Erde kreisen. — —
Wagen um Wagen raste zum Zirkus, und mit einer nervösen Hast, als ginge es um Leben und Tod, eilten die Leute hinein: Damen, brillantenübersät, mit fein geschnittenen Gesichtern, zu Kokotten gewordene französische Baronessen, vornehme, schlanke Engländerinnen, noch vor kurzem zur besten Gesellschaft gehörig, jetzt zu zweit am Arme irgendeines über Nacht reich gewordenen Börsenhalunken mit Rattenaugen und Hyänenschnauze, — russische Fürstinnen, jede Fiber an ihnen zuckend vor Übernächtigkeit und Überreiztheit; nirgends mehr auch nur eine Spur ehemaliger aristokratischer Gelassenheit — alles hinweggespült von den Wellen einer geistigen Sintflut.
Wie das Vorzeichen einer kommenden furchtbaren Zeit erscholl im Innern des Hauses in Intervallen, bald schreckhaft nahe und laut, dann wieder plötzlich erstickt von zufallenden dicken Vorhängen, das langgezogene heisere Gebrüll von wilden Bestien, und ein beißender Geruch nach Raubtieratem, Parfüm, rohem Fleisch und Pferdeschweiß wehte auf die Straße heraus.
Durch den Ideenkontrast wachgerufen, schob sich ein Bild aus der Erinnerung vor Hauberrissers Blick: ein Bär hinter den Käfigstäben einer wandernden Menagerie, der, die linke Tatze gefesselt, eine Verkörperung grenzenloser Verzweiflung, von einem Bein auf’s andere trat — unablässig, tagelang, monatelang, noch Jahre später, als er ihm wieder auf einem Schaubudenmarkte begegnete.
„Warum hast du ihn damals nicht losgekauft!“ schrie ein Gedanke Hauberrisser ins Hirn hinein, — ein Gedanke, den er wohl hundertmal schon verjagt hatte, der aber immer wieder aus dem Hinterhalte auf ihn lossprang, immer mit demselben brennenden Gewand des Vorwurfs angetan, wenn seine Stunde kam, — ewig jung und unversöhnlich wie am ersten Tage, als er entstanden war, — ein Zwerg, scheinbar nichtig und klein gegenüber den riesengroßen Versäumnissen, die im Leben eines Menschen einander die Hand reichen, und dennoch von allen Gedanken der einzige, über den die Zeit keine Macht besaß.
„Die Schatten der Myriaden gemordeter und gefolterter Tiere haben uns verflucht und ihr Blut brüllt nach Rache“, ballte sich eine wirre Vorstellung in Hauberrissers Gehirn einen Pulsschlag lang zusammen; „wehe uns Menschen, wenn beim jüngsten Gericht die Seele auch nur eines einzigen Pferdes im Rate der Ankläger sitzt. — Warum habe ich ihn damals nicht losgekauft!“ — — Wie oft hatte er sich schon die bittersten Vorwürfe deshalb gemacht und sie jedesmal mit dem Argument erstickt, daß die Befreiung des Bären belangloser gewesen wäre als das Umdrehen eines Sandkorns in der Wüste. Aber — er überflog im Geiste sein Leben — hatte er jemals irgend etwas vollbracht, das belangreicher gewesen wäre? Er hatte studiert und die Sonne versäumt, um Maschinen zu bauen, hatte Maschinen gebaut, die längst verrostet waren, und darüber versäumt, andern zu helfen, daß sie sich hätten der Sonne erfreuen können, — hatte nur sein Teil beigetragen zur großen Zwecklosigkeit.
Er erkämpfte sich mühsam einen Weg durch die andrängende Menge zu einem freien Platz, rief eine Droschke an und ließ sich hinaus vor die Stadt fahren.
Ein Heißhunger nach versäumten Sommertagen hatte ihn mit einemmal überfallen. — —
Die Räder rumpelten mit quälender Langsamkeit über das Pflaster, und die Sonne war doch schon im Untergehen begriffen; vor Ungeduld, ins Freie zu kommen, wurde er nur noch gereizter.