Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn.
Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.
Noch einmal las ich den Brief durch.
Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig war?
Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet zu haben.
Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte, — den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.
Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?
Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an eine „Belohnung“ hier oder jenseits auch nur zu denken.
Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung?
„Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische — eine Verbrechernatur“ — ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinleuchten käme, — dieser geifernden Menge, die nie und nimmer begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und edler ist als der nützliche Schnittlauch. — — —