„— — kann nicht mehr sterben?“ — ein dumpfer Schmerz ergriff mich.

„Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des Todes. Du hast das Buch „Ibbur“ genommen und darin gelesen. Deine Seele ist schwanger geworden vom Geist des Lebens“, hörte ich ihn reden.

„Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den des Sterbens!“, schrie alles wild in mir auf.

Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.

„Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: „Ehe Gott die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.“ Du aber gehst einen Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, — wenn du es jetzt auch selbst nicht mehr weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm’ dich nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung. Wissen und Erinnerung sind dasselbe.

Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß.

Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an den Schuhen — aber Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen und die Stube war wieder leer.

Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer.

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Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen.