Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.

Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt hat, daß der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, wühlte ich mich wieder in die Kissen.

Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen Rätsel, die mich rings umgaben.

Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus — glaubte ich — könnte es mir möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, der für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis gehüllt lag.

Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als daß ich mich wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied — als ob ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt hätte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!

Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender Klarheit, daß wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den Hauptpfad ständig begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: „Woher“, schrie es mir fast in die Ohren, „hast du denn die Kenntnisse, dank derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt — und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen — und essen — und gehen, atmen, denken und fühlen?“

Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein Leben zurück.

Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und so weiter?

Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt — — jetzt! Jetzt! Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem Vergessenen trennte, mußte überflogen sein — da trat ein Bild vor mich, das ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen — genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.

Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.