»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«
»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle Zeiten niedergeworfen werde.«
»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«
»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt werden können.« –
Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig: »Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«
»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«
»No nein; ich meine – nun, hm – ich meine halt, es ist bewundernswert, daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit dem Leben zu beginnen?«
Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.
Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem Abgrund stehen hinter sich den Verfolger – bevor sie sich in die Tiefe stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.
»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen und dann irgendwie umbringen, damit – nun ja, damit mein Kind wenigstens leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, – ob ein Kind geboren wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt lang. – Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter zuliebe, – aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man’s machen soll, damit nichts herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn’s – vorbei ist, hinlauft und verratet – wiederum gegen ‘Provision’: Hier liegt Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden! – – Glauben Sie, ich sähe nicht – so, wie’s jeder sieht –, wie die Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen, schon längst – –, aber ich weiß doch, wie’s dann käme: das Geld würde nie ausbezahlt, und – und dann – –, nein, nein, es ist nicht auszudenken!«