Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach dabei:

»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl, wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte meine Hand an eine Pforte geklopft. – Es ist das Ende einer Arbeit von Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit aus seiner Stimme: »was – was werde ich morgen tun?!«

»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin.

»Wissenschaft – für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert mich die Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus.

Dann stand er hastig auf.

Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.

»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir kindischen Marotten nach – um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur, um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!«

Wir schwiegen.

»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, – eine wilde Unruhe kam plötzlich über ihn, – »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz, ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn. Wir können gar nichts tun, was nicht magisch wäre. – Ich weiß ganz genau weshalb ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich weiß auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch – und doch – und doch auf Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein äußeres belangloses Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die Lampe getreten ist«; – er lächelte mich grimmig an, »ich will’s Ihnen kurz sagen, was mir dieses äußere Geschehnis innerlich bedeutet: ich habe erreicht, was ich gesucht habe, – ich bin hinfort gefeit gegen die Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben können; ich hab’s an dem Ruck gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein inneres Gesicht gezeigt.«

»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben – in der Zeit – ich meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so wund ist?« setzte er leise für sich hinzu.