Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte, wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.

Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren, an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte, ein ‘Wunder’ nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.

Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, – alles, was Sie hier im Zimmer sehen, stammt aus jener Zeit, – war so manches darunter, das mich an die dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger – er trägt seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, – kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und als mir eines Tages ein Freund den Globus hier – denselben Globus, den ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals Napellus –, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen Schicksals.

Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf die Berge steigen.

Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen; und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Schoß fielen, ich würfe sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei bleiben für die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tälern, – ich will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch nicht verpestet ist an der Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, – – werde loten und loten, – aber, so oft ich auf Grund stoße, wird’s mir wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich berühre, und nichts als die Erde, – dieselbe stolze Erde, die das heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde, die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist und bleibt, außen und innen.

Und jedesmal wird’s mir der Rachen des Sees von neuem verkünden: wohl wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und die Tiefe ist rein.« – Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, – er ballte die Fäuste –, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten dürfen, um es hinausschreien zu können: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts als Erde!«

Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.

Er war ans Fenster getreten.

Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers letzte Worte in uns erweckt hatten:

»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm Jahrhundert stammen; die fünf Erdteile« – er deutete auf Amerika – »sind auf dem Globus vollzählig verzeichnet.«