Zwölftes Kapitel.

Woldemar sah ihr staunend nach. Sein Kopf brannte, sein Herz glühte, Feuer rann in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in den Zwinger der das Schloß umgab. Die Erscheinungen dieser Zeit schwebten wie Geistertänze vor seiner Seele und der Schutt und die Blutspuren im Schnee weckten Erinnerungen an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. Er freute sich der gelungenen That, dachte des Getümmels das ihr voranging, des empfangenen Briefes den der Jäger der Baronin in seinem Diensteifer verbracht hatte und eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben auffinden ließen, unter sein Fenster hin. Lange störte er vergebens zwischen Eis und Schnee und dem Abbiß der Patronen, fand endlich ein bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen und las —

„Die großmüthige Schwester — das Häubchen von ihrem Kopfe — zur Täuschung ähnlich —“

Eine kalte Hand griff ihm in’s Herz. Er sann und sann und suchte jetzt angsthafter; ihn aber suchten die Bedienten, denn eine Ordonanz aus dem Hauptquartier war gekommen. Der Husar erbat sich einen Empfangschein und übergab die Depesche. Woldemar fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah sich angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft alsogleich aufzubrechen, des fördersamsten im Haupt-Quartier einzutreffen, oder falls sein Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person nicht gestatte, ohne Zögerung nach dem Lazareth abzugehn.

Schnell ward gepackt, gesattelt, und der General-Marsch geschlagen, denn kein Augenblick war zu verlieren wenn das entfernte Ziel, den Worten der Depesche gemäß, erreicht werden sollte.

Dreyzehntes Kapitel.

Julie hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, die kranke Schwiegermutter heimgesucht, das gestrige unkindliche Benehmen mit der Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre Hände mit Küssen bedeckt, heilige Sprüche und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht und so den Zorn der gutmüthigen Baronin in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von Wessen ihrem Woldemar eine Schutzrede der die Mutter um so weniger zu widersprechen vermochte, da sie früher selbst seiner Bescheidenheit, seiner Sittlichkeit, und so mancher liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, das gebührende Lob ertheilt hatte. Zu allen dem „fuhr jene fort“ hat Ihnen Gott in dem edlen Mann einen Engel gesandt, denn wie wäre es uns ergangen, wenn er nicht Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, Sie vielleicht im Grabe, ich und Auguste ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken, geplündert und verlassen am Scheidewege. Was wir sind, was wir haben, erhielt uns seine Hand und die wollten Sie aus der Hand seiner Vergelterin reißen? Der Himmel selbst belohnte diese That und öffnete ihm eine glänzende Laufbahn.

Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf den Werth des Freyers, auf den Schutz, welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß wohl eher begünstigt als gescholten haben, wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher als das der Verwandtin am Herzen gelegen hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell des stillen Grams der aus Augustens verweinten Augen sprach und begriff nicht, wie ein so zartfühlender Mann, blind für den Zauber dieser Himmelsblume, nach der dornigten prahlenden Rose zu greifen vermochte. Da indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des Himmels Sache waren und die Frau von Wessen bereits als verlobte Braut um ihren Segen bat, so vergab sie mit sanften Worten den übereilten Schritt, behielt sich das Weitere bis zu ihrer Genesung vor und drang darauf daß Woldemar zuförderst einem Stande, der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe, entsagen solle. Frau von Wessen erklärte selbst diese Bedingung für zweckvoll und unerläßlich und sah jetzt, still entzückt, in der sinkenden Sonne den Herold des Braut-Abends. Da ward es plötzlich lebhaft auf dem Hofe, des Hauptmanns Leute liefen durch einander, der eine sattelte, der andere sprach von nahem Blutvergießen, der Ruf der Trommel scholl aus dem Dorf herauf.

Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte geisterbleich hinüber, in Woldemars Arm.

Was soll das? „fragte er mit verbissenem Schmerz“ Warst Du nicht eines Soldaten Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter Muth.