Doktor Faustus hatte nur noch zehen Tage zu seinem erschrecklichen Ende, weswegen er an einem Morgen seinen Famulus, weil er bisher andere Gesellschaft nicht leiden mochte, zu sich vor sein Bett berief, gleich als wenn er nur von ihm Trost und Erquickung haben könnte, und ganz zaghaft und erschrocken zu ihm sprach: »Ach, lieber Sohn, was hab' ich mir bereitet, daß ich so roh gelebt und mein gottloses Leben bisher also geführet habe! Was habe ich jetzt davon? ich bringe nicht allein einen bösen Namen davon, sondern auch einen nagenden Wurm und böses Gewissen; ach! ich sollte zeitlicher an das Ende, an mein Ende gedacht haben! und wenn ich an solches gedenke, das nun nicht mehr ferne ist, so überlauft meinen Leib ein eiskalter Schweiß, ein Zittern und Zagen meines Herzens ist da, und wenn ich nun bald davon muß, und mein Leib und Seele den Teufeln zuteil werden, so sehe ich alsdann vor mir das strenge Gericht Gottes, ich weiß nicht, wo ich aus oder ein soll: es wäre mir tausendmal besser, daß ich als ein unvernünftiges Tier wäre geboren worden, oder doch in meiner zarten Kindheit gestorben! Nun aber, ach, nun ist's aus, Leib und Seele die fahren dahin, wohin sie geordnet sind.«
Auf solches Wehklagen und Seufzen sprach sein Famulus, den seines Herrn jammerte: »Ach, Herr Doktor, warum seid Ihr doch fort und fort so schwermütig und kränket Euer Herz stets? schaffet Euch einmal Ruhe, tut dem Satan Widerstand, denn dieser peiniget und martert Euch also: ich will's nicht mehr zugeben, daß Ihr so allein seid, sondern Ihr müsset entweder Leute um Euch haben, daß Ihr Euch mit ihnen ergötzet, und sie Euch die melancholischen Gedanken vertreiben, oder Ihr müsset den Magister wieder zu Euch berufen, damit Ihr völligen Trost bekommet. Denn es ist ja kein Sünder so groß, er kann durch seinen Widerruf, herzliche Reue, Bekehrung und Buße zur Gnade Gottes kommen und gelangen.« Doktor Faustus antwortete: »Mein lieber Christoph, schweige nur, ich bin nicht wert, daß gute, ehrliche Leute mehr zu mir kommen sollen, ich, der ich ein Leibeigener des Teufels bin; so will ich auch von keinem Trost aus der Schrift mehr hören noch wissen, sintemal es doch damit alles vergebens und verloren ist, mich zu bekehren; ich will mein Leben vollends mit Trauern, Seufzen und Wehklagen zubringen.«
Das Stundenglas hatte sich nunmehr umgewendet, war ausgelaufen; die bestimmten vierundzwanzig Jahre Doktor Fausts oder die Endschaft seiner Verschreibung war nun am nächsten: deswegen erschien ihm der Teufel abermal, und zwar in eben dieser Gestalt, wie er damals den verdammlichen Bund mit ihm aufgerichtet hatte, zeigte ihm seine Handschrift, darin er ihm mit seinem eigenen Blut seinen Leib und Seele verschrieben hatte, mit der Weisung, daß er auf folgende Nacht sein verschriebenes Unterpfand holen und ihn hinwegführen wollte, dessen er sich denn gänzlich versehen sollte: darauf der Teufel verschwand.
Wie dem Doktor Faust hierüber müsse zumut gewesen sein, läßt sich leichtlich denken; es kam das Bereuen, Zittern, Zagen und seines Herzens Bangigkeit mit aller Macht an ihn, er wandte sich hin und wider, klagte sich selbst an ohne Unterlaß, wegen seines abscheulichen und greulichen Falls, weinte, zappelte, focht, schrie und grämete sich die ganze Nacht über. In solchem erbärmlichen Zustand erschien ihm sein bisheriger Hausgeist Mephistopheles zur Mitternachtszeit, sprach ihm freundlich zu, tröstete ihn und sprach: »Mein Fauste, sei doch nicht so kleinmütig, daß du von hinnen fahren mußt, gedenke doch, ob du gleich deinen Leib verlierest, ist's doch noch lang dahin, daß du vor dem Gericht Gottes erscheinen wirst; du mußt doch ohne das sterben, es sei über kurz oder über lang, obschon du etliche hundert Jahr, so es möglich wäre, lebtest, und ob du schon als ein Verdammter stirbst, so bist du es doch nicht allein, bist auch der erste nicht; gedenke an die Heiden, Türken und alle Gottlosen, die in gleicher Verdammnis mit dir sind und zu dir kommen werden. Sei beherzt und unverzagt, denke doch an die Verheißung unsers Obersten, der dir versprochen hat, daß du nicht leiden sollest in der Hölle, wie die andern Verdammten.« Mit solchen und andern Worten wollte der Geist ihn beherzt machen und ihn etwas aufrichten.
Da nun Doktor Faustus sah, daß dem ja nicht anders sein konnte, und daß der Teufel sicher sein Unterpfand nicht würde dahinten lassen, sondern auf die folgende Nacht es gewiß holen, stehet er frühmorgens auf, spaziert etwas vor die Stadt hinaus und nach Verfluß von etwa anderthalb Stunden, nachdem er wieder nach Haus gekommen, befiehlt er seinem Famulus, daß er die Studenten, ehedessen seine vertrauten Freunde, noch einmal zu ihm in das Haus berufen sollte, er hätte ihnen etwas Notwendiges anzukünden.
Weil nun diese vermeinten, Doktor Faust würde sich vollends bekehren, nahmen sie den Magister mit sich. Als sie aber angekommen, bat er sie, daß sie sich doch sämtlich wollten gefallen lassen, mit ihm noch einmal in das Dorf Riemlich zu spazieren, denn daselbst wolle er sich mit ihnen lustig erzeigen, welches er etliche Zeit bisher unterlassen hätte. Der Geistliche verließ auf diese Worte die Behausung des Doktors, denn es hatte ihn ein Schauder bei seiner Rede ergriffen. Die Studenten aber waren dessen zufrieden und spazierten miteinander dahin, hatten unterwegs allerlei Gespräche, und nachdem sie daselbst angelanget, ließ Doktor Faust ein gutes Mahl zurichten und stellte sich auf das möglichste mit ihnen fröhlich, daß sie also beisammen recht lustig waren bis auf den Abend, da sie alle, ausgenommen Faustus, wieder nach Hause gedachten. Doktor Faustus aber bat sie gar freundlich, daß sie doch wollten nur dieses einzige Mal die Nacht über in dem Wirtshaus bei ihm verharren, es wäre doch schon die Zeit zur Heimkunft zu spät, er müsse ihnen nach dem Nachtessen etwas besonders vorhalten. Welches sie denn, weil es doch nicht anders sein können, ihm zusagten.
Als nun das Nachtmahl und der Schlaftrunk vorbei waren, bezahlte Doktor Faustus den Wirt und bat die Gäste, sie sollten ein kleines mit ihm in die nächste Stube gehen, er hätte ihnen etwas Wichtiges zu sagen, welches er bisher hätte verborgen gehalten, das betreffe sein Heil und seine Seligkeit; mit solcher Vorrede, ohne ferneren Umschweif, fing er an und sprach: »Wohlgelehrte, ihr meine liebe, vertraute Herren! daß ich euch heute morgen durch meinen Famulus habe ersuchen lassen, einen Spaziergang hieher zu machen, und ihr mit einer schlechten Mittag-Mahlzeit vorlieb genommen, auch auf mein Anhalten bei mir als auf die Nacht anjetzo verharret, dafür sage ich schuldigen Dank; wisset aber zugleich, daß es um keiner andern Ursache willen geschehen, als euch zu verkündigen, daß ich mich von meiner Jugend an, während ich von Gott mit einem guten Verstand bin begabt gewesen, jedoch mit solcher Gabe nicht zufrieden war, sondern viel höher steigen und über andere hinauskommen wollte, mit allem Fleiß und Ernst auf die Schwarzkunst gelegt, in welcher ich mit der Zeit so hoch bin gekommen, daß ich einen unter den allergelehrtesten Geistern, namens Mephistopheles, erlangt: jedoch solche Vermessenheit geriet mir bald zum Bösen und zu einem solchen Fall, wie er dem Luzifer selber widerfahren, da er aus Hoffart aus dem Himmel verstoßen worden. Denn als der Satan mir willig in allem meinem Vorhaben war, setzte er zuletzt mir zu, daß, so ich würde einen Bund mit ihm aufrichten und mich mit meinem eigenen Blut verschreiben, ich, nach Verfluß von vierundzwanzig Jahren, sein wollte sein mit Leib und Seele, dazu Gott, der heiligen Dreifaltigkeit und allem himmlischen Heer absagen, denselben nimmermehr in Nöten und Anliegen anrufen, auch alle diejenigen anfeinden, so mich von meinem Vorhaben abwendig machen und bekehren wollten: daß ich alsdenn nicht allein mit hohen trefflichen Künsten begabt sein, sondern auch Geister um und neben mir haben, die mich in aller Gefährlichkeit schützen und meinen Widerwärtigen zuwider sein sollten; dazu, und welches eben das meiste war, das, was ich auch in diesem Leben verlangte, Geld, gutes Essen und Trinken und tägliches Wohlleben, das sollte mir nimmermehr mangeln, ja, er wollte mich so hoch ergötzen nach allen meines Herzens Begierden, daß ich das Ewige nicht für Zeitliche nehmen würde. Mit solchen übergroßen Verheißungen erfüllte er mir das Herz, daß ich bei mir gedachte: ›dieses Freudenleben ist gleichwohl nicht zu verwerfen, obschon der Bund gottlos und verdammlich ist; so darf ich auch den Satan nicht länger aufhalten, denn sonst möchte ich um all meine Kunst kommen, und er möchte von mir weichen: dazu so bin ich vorhin geneigt zum müßigen Leben; Fressen, Saufen und Spielen ist meine Lust, allein die Mittel dazu hab' ich nicht, allhie könnte ich alles ohne Mühe überkommen. Käme es denn einmal dahin, daß der Teufel sein Unterpfand holen und haben wollte, müßte ich's wohl geschehen lassen, ich würde doch über die bestimmte Zeit nicht viel länger leben können; zudem so kann noch wohl die Zeit kommen, dachte ich, daß ich mich möchte bekehren, Buße tun, und also die Barmherzigkeit Gottes ergreifen.‹ Da denn ohne Zweifel der Teufel nicht wird gefeiert haben, sondern mich regieret und getrieben, daß ich also den Bund mit ihm aufgerichtet, Gott und der heiligen Dreifaltigkeit abgesaget, und mich ihm mit Leib und Seele verschrieben habe.