Die Veränderung in der Geschäftslage hat angefangen mit dem Jahre, in welchem die bayrischen Brauereien mit dem Vertrieb des Flaschenbieres begannen, und wie die mitgeteilten Ziffern zeigten, in ihrem Bemühen, direkt als Produzenten mit den Konsumenten in Verbindung zu treten, so ausserordentlich erfolgreich waren. Es war den Bierverlegern unmöglich, in Preis oder Qualität mit ihren Lieferanten zu konkurrieren und so verminderte sich ihr Absatz an untergährigem Biere in demselben Masse und derselben Relation wie die mitgeteilten Ziffern einzelner Brauereien steigen. Eine planmässige Zusammenstellung der Absatzziffer in Bezug auf das Flaschenbier ist seitens des Verbandes der Berliner Brauereien leider erst vor 2 Jahren angeregt und durchgeführt worden, sodass sich zuverlässige, vollständige Berichte über das Fortschreiten dieses Absatzes der Brauereien leider nicht bringen lassen. Soviel aber scheint für die derzeitige Lage der Dinge festzustehen, dass in Bezug auf den Absatz von bayrischem Lagerbier in Flaschen mindestens neun Zehntel dieses Absatzes durch die Brauereien besorgt werden. Wenn fast alle Bierverleger noch Lagerbier neben dem Weissbier beziehen, so geschieht dies, weil sie zum Teil über die Strasse noch bayrisches Bier in Flaschen verkaufen, andererseits einige alte Privatleute oder Viktualienhändler zu Kunden haben, die, weil sie jahrelang das Weissbier von dem betreffenden Verleger bezogen haben, aus einer Art Pietät auch das bayrische Bier von ihm entnehmen.
Nach dem Verlust des Absatzes von bayrischem Bier blieb den Bierverlegern in der Hauptsache noch der Versand von Weissbier und da der Konsum von Weissbier wenigstens absolut gestiegen ist, so liesse sich vermuten, dass der Absatz von Weissbier bei den einzelnen Verlegern mindestens gleichgeblieben sei. Nehmen wir die Zahlen von 1880 und 1898 zum Vergleich, so ergiebt sich, dass die Zahl der Verleger um ca. 63 %, die Produktion des Weissbieres dagegen in derselben Zeit um 78 % gestiegen ist. Doch müssen wir uns zunächst erinnern, dass von dieser Produktion ein erheblicher Bruchteil abzuziehen ist, welcher in die Provinz ausgeführt[22] wird, und dass zudem der Umsatz derjenigen Weissbierbrauereien in Abzug zu bringen ist, welche ebenfalls den Vertrieb von Flaschenbier selbst besorgen.
Schliesslich aber ist eine Verschlechterung der Lage dadurch bedingt worden, dass in immerhin beträchtlichem Masse der Selbstabzug von Weissbier bei der arbeitenden Bevölkerung sich eingebürgert hat. Dieser Selbstabzug geschieht entweder durch den Bezug von Frisch- oder Jungbier, oder durch den Bezug von kleineren Gebinden, die bis auf den Umfang von ca. 5 l zurückgehen. Das Frischbier wird gewöhnlich auf dem Hofe der Brauerei an die Hausfrauen verkauft, welche es sich in Eimern oder Kannen literweise holen und auf Flaschen ziehen, nachdem sie je nach ihrem Geschmack noch Wasser oder Zucker hinzugesetzt haben. Dieser Frischbierverkauf wird von vielen Weissbierbrauereien, namentlich aber von den in letzterer Zeit aufgekommenen Braunbierquetschen betrieben, er ist erst in neuerer Zeit zu grösserer Bedeutung gekommen. Bei den kleineren Weissbierbrauereien bildet er einen beträchtlichen Anteil ihres Gesamtumsatzes, aber auch bei den grossen Brauereien ist er bedeutend; so schätzt man in Bierverlegerkreisen den täglichen Verkauf von Frischbier in der Brauerei von Albert Bier auf 12⁄2 t, in der Weissbierbrauerei von Gabriel & Jäger auf 36⁄2 t pro Tag. Der Versand von Bier in kleinen Gebinden geschieht hauptsächlich seitens jener grossen Zahl neu entstandener »Quetschen«, welche überhaupt keine grossen Gebinde führen, weil sie Wiederverkäufer niemals zu Kunden haben, ihr Absatz sich vielmehr auf den Verkauf an die Konsumenten beschränkt. Das von ihnen »gebraute« Bier ist ein leichtes obergähriges Bier und wird als Braunbier bezeichnet, in der Statistik jedoch jederzeit zusammen mit dem Weissbier aufgeführt, wie wir auch in unseren Betrachtungen, wenn wir vom Weissbier sprachen, das Braunbier stets eingeschlossen hatten. Das Braunbier[23] unterschied sich von dem Weissbier durch einen starken Zusatz von Zucker und zuckerhaltigen Stoffen, durch den es im Verhältnis zu seinem geringen Preis einen immerhin merklichen Nährwert erhielt und so in Verbindung mit seinem süssen Geschmack ein beliebtes Getränk für Frauen und Kinder, namentlich als Stärkungsmittel wurde.[24] Doch hielt diese Beliebtheit des Braunbieres nur bis zum Ende der siebziger Jahre an, dann kam es immer mehr aus dem Verkehr. In neuerer Zeit ist es jedoch zu neuem Leben erwacht und zwar dadurch, dass einesteils die Verwendung von Saccharin an Stelle des teuren Malzes oder Zuckers die Herstellung des Bieres verbilligte, anderenteils die früher infolge der zuckerhaltigen Stoffe oft stürmische Nachgährung in den Flaschen bei längerem Lagern (das Bier wurde »wild«) vermieden wurde. Ueber 40 Brauereien sind in kurzer Zeit entstanden, welche sich mit der Herstellung dieses Braunbieres abgeben, ihre Produktion wird auf ca. 400000 hl jährlich geschätzt, welche Schätzung mir allerdings übertrieben erscheint! Ueber die Art, wie die Herstellung dieses Bieres oft vor sich geht — in einem waschküchenähnlichen Raum! — wie aus einem Centner Malz 12 hl »Bier« hergestellt werden (bei dem Weissbier aus einem Centner ca. 3 hl), giebt das citierte Gutachten, welches diese Art der Braunbierbrauerei als »Pseudobraugewerbe« bezeichnet, erbauliche Angaben. Diese Brauereien sind es nun, welche, da ihre Produkte stets mit denjenigen der Weissbierbrauereien zusammen aufgeführt werden, oft ein falsches Bild geben. Einesteils in Bezug auf die Durchschnittsproduktion der obergährigen Brauereien, welche ohne diese Quetschen doch nicht jenen ausserordentlich niedrigen Stand haben würde, den sie in der Statistik einnimmt, anderenteils in Bezug auf die Lage der Bierverleger, welche von der Steigerung der Produktion obergähriger Biere durchaus nicht in vollem Masse profitiert haben, da die gesamte Produktion dieser Braun- und Bitterbierbrauereien davon abzurechnen ist. Der Absatz dieser Brauereien an ihre Abnehmer vollzieht sich meist derart, dass das benötigte Bier in Kannen oder kleine Gebinde gefüllt, oft aber auch direkt vom Fass mittels Ablasshahnes abgefüllt und so in einer Art »Strassenhandel« abgesetzt wird. Das Feilhalten von losem Bier mit einem Extraktgehalt von unter 2 % ist zwar polizeilich verboten, jedoch soll nach Aeusserungen aus Fachkreisen diese Bestimmung völlig auf dem Papiere geblieben sein.
Durch die Art des direkten Absatzes dieser kleinen Brauereien ist natürlich den Bierverlegern ebenfalls eine empfindliche Konkurrenz entstanden. Während früher die Braunbierbrauereien ihr Bier ebenso wie die Weissbierbrauereien den Bierverlegern in Fässern lieferten und diese den Absatz in Flaschen besorgten, welcher oft einen bedeutenden Teil des Gesamtabsatzes ausmachte — namentlich an die Viktualienhändler wurde viel Braunbier geliefert — ist ihnen heute dieser Absatz fast gänzlich aus den Händen genommen. Dazu kommt als letztes Moment noch, dass die Gastwirte aus ihrem Kundschaftsverhältnis zu den Bierverlegern heraustraten. Seitdem in den achtziger Jahren die Weissbierbrauereien, um den Wünschen nicht nur der Gastwirte, sondern auch eines Teiles der jüngeren Bierverleger nachzukommen, immer mehr dazu schritten, den letzten Gährungsprozess beim Weissbier in ihren eigenen Kellereien vorzunehmen, begannen auch die Gastwirte mehr und mehr das Bier wieder selbst von der Brauerei zu beziehen und so ging auch dieser Kundenkreis den Bierverlegern verloren.
Es ist daher wohl ersichtlich, dass der Einfluss, welchen die Steigerung des Konsums obergähriger Biere auf die Lage der Bierverleger ausübte, durch die übrigen namhaft gemachten Momente mehr als aufgewogen werden musste. Nur ein Gebiet blieb den Bierverlegern, auf dem sie, von drückender Konkurrenz befreit, ihre frühere Stellung nicht nur behaupten, sondern sogar verstärken konnten: dasjenige der sogen. »echten« Biere. Es war bereits dargelegt worden, wie der Vertrieb der auswärtigen Biere zuerst in den Händen jener Bier-Niederlagen sich befand, welche daneben meist noch mit einem besseren Kolonialwarengeschäft oder einem Restaurant verbunden waren. Später entwickelten sich aus dieser Betriebsvereinigung die General-Agenturen der auswärtigen Brauereien als selbständige Gewerbe und zwar zum grössten Teil mit der Beschränkung auf den Absatz in Fässern, während der Vertrieb des Flaschenbieres in die Hände der Bierverleger überging. Im wesentlichen liegen die Dinge auch heute noch so, nur dass viele Bierverleger, angesichts der Verringerung der Absatzmöglichkeit auch eigene Brauereivertretungen übernommen haben und z. T. neben ihrem Flaschen- auch Fassbierhandel treiben. Für die Mehrheit der Bierverleger wichtiger als diese einzelnen Vertretungen ist jedoch der Absatz derjenigen sogenannten »echten«, d. h. auswärtigen Biere, welche allgemein eingeführt sind und deren Vertrieb durch die Bierverleger geschieht, da die betr. Generalvertretungen sich auf den Fassbierhandel beschränken. In Betracht kommen hier vor allem das Grätzer und das Kulmbacher Bier. Von den 46 Bierverlegern, über deren Geschäftsbetrieb mir Auskünfte vorliegen, führten 36 Grätzer und 21 Kulmbacher Bier, Münchener Bier wurde in 3, Pilsener Bier in 5 Fällen geführt. Das Grätzer Bier (aus Grätz in der Provinz Posen) wurde Mitte der achtziger Jahre in Berlin eingeführt, es ist ein obergähriges Bier, das sehr lange Lagerung erfordert, (mindestens 14 Tage), der Geschmack ist ein eigentümlich rauchiger. Es wird meist in den Nachtcafés geführt. Die jährliche Einfuhr von Grätzer Bier soll nach den Angaben des Generalvertreters einer der bekannteren Grätzer Brauereien etwa 25000 hl betragen. Eine Zeit lang hatte der Vertreter der Brauerei Bähnisch in Grätz den Flaschenbiervertrieb selbst übernommen, doch wurde er durch einen Boykott der Berliner Bierverleger gezwungen, ihn wieder aufzugeben, da er mehr Fassbierkunden verlor, als er an den neugewonnenen Flaschenbierkunden verdiente. So ist der Absatz des gesamten in Berlin eingeführten Grätzer Bieres in den Händen der Bierverleger geblieben.
Allerdings konnten die 25000 hl, welche der Absatz von Grätzer Bier ausmachte, keinen Ersatz bieten für dasjenige Absatzfeld, welches ihnen die Brauereien entrissen hatten. Wir hatten vorher Berechnungen angestellt, welche die Zahl der Bierverleger in Vergleich setzten mit dem gesamten Berliner Flaschenbierkonsum. Danach kam ein Bierverlag im Jahre 1875 auf 4719 hl Flaschenbierabsatz, im Jahre 1885 auf 3472 hl Flaschenbierabsatz. Stellen wir dieselbe Berechnung für das Jahr 1898 auf, so ergiebt sich folgendes: Es kommen als Flaschenbierkonsum in Betracht: 1357993 hl obergähriges Bier und 30 % der auf 2480418 hl angegebenen Produktion von untergährigem Bier = 826806 hl, also zusammen 2184799 hl. Hiervon sind jedoch in Abzug zu bringen 1. derjenige Teil dieses Konsums, welcher durch die Brauereien gedeckt wird mit mindestens 700000 hl, 2. derjenige Teil der Weissbierproduktion, welcher unter Uebergehung der Zwischenhand in der Form von Frischbier oder in kleinen Gebinden an die Konsumenten geliefert wird, mit mindestens 400000 hl.[25] Nach Abzug dieses Absatzes von 1100000 hl, welcher bei Gleichbleiben der früheren Verhältnisse zum grossen Teile den Bierverlegern zugefallen wäre, bleiben noch 1084799 hl oder angesichts der Zahl von 516 Bierverlegern, ein Bierverlag gegenüber 2102 hl Absatz an Flaschenbier! Es gilt von dieser Zahl dasselbe, wie von den vorher genannten: sie ist an sich ziemlich unsicher, aber sie erhält ihren Wert durch die Vergleichung. Wenn man noch in Berücksichtigung zieht, dass der Anteil der Bierverleger an der hier berechneten Höhe des Absatzes infolge der früher nicht in diesem Masse aufgetretenen Konkurrenz der Gastwirte eine geringere ist, als früher, so dürfte die in den an sich ungewissen Zahlen 4719 und 2102 gegebene Relation mit dem Verhältnis des einstigen zu dem heutigen Durchschnittsumsatz ziemlich übereinstimmen.
Die vorhergegangen Betrachtungen umfassten die Entstehung und Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Die Ausführungen mussten sich dabei auf allgemeine Gesichtspunkte beschränken und konnten die geschilderte Entwicklung nur in grossen Zügen geben. Zu ihrer Vervollständigung soll daher die nachfolgende Darstellung dienen, welche im Rahmen der Detailschilderung die gegenwärtige Lage des Berliner Bierverlegerstandes im besonderen schildern will, als desjenigen Gliedes im Berliner Flaschenbiergeschäft, dessen Entwicklung eine typische Bedeutung beanspruchen kann, welche über das Interesse an dem vorliegenden Einzelfall hinausgeht. Gleichzeitig wird diese Einzelschilderung aber auch Rückschlüsse auf die Ausführungen des ersten Teiles dieser Arbeit gestatten und zur Bestätigung der darin ausgesprochenen Behauptungen dienen.
[10] In dem »Arbeiterfreund«, Jahrgang 1877, ist eine Studie veröffentlicht: »Der Bierverbrauch in Berlin ein Spiegel der sozialen Lage des Volkes.« Die Voraussetzungen, von denen der Verf. der betr. Arbeit ausgeht, sind jedoch ziemlich willkürlich und seine Folgerungen daher mit Vorsicht aufzunehmen.
[11] Es wurden Neubauten genehmigt: 1869: 2473, 1870: 2576, 1871: 3789, 1872: 6331, 1873: 6076, 1874: 6556, 1875: 6278; die 1874 erreichte Zahl ist bis in die Gegenwart nur einmal überschritten worden.
[12] Vergl. Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft von 1880: »Die Berliner Brauereien haben in den Jahren 1871–1875 eine selbst über das damalige Bedürfnis hinausgehende Erweiterung ihrer Anlagen erfahren und steht deshalb ihr Absatz nicht im richtigen Verhältnis zu ihrer Einrichtung.« Der Sachlage nach können sich diese Worte nur auf die bayrischen Brauereien beziehen.