In der Mittagsstunde des 2. April, während ich am Krankenlager meiner Frau war, wurde ich gerufen. Die Stunde des Abscheidens stand vor der Tür. Ich eilte von meiner Wohnung durch den Buchenwald hinunter. Am Wege, den Spaten in der Hand, stand ein russischer Baron von Obolianinoff, der seit vielen Jahren als epileptischer Kranker in Bethel war und Vater sehr nahe stand. Ich sagte ihm, wohin mein Weg ginge. Da floh der Glanz von seinen dunklen Augen, und ich sah wie in einen dunklen Abgrund des Schmerzes hinein. Sagen konnte er nichts. Aber sein erloschenes Auge sprach laut von dem, was diese Stunde nicht nur für diesen einen einsamen Kranken, sondern für ungezählte bedeutete.
Die Geschwister fand ich schon versammelt. Wir knieten um das Bett und hielten abwechselnd die erkaltenden Hände. Als der letzte Atemzug getan war, betete unser Bruder Wilhelm aus tiefstem Herzen und brachte Gott den Dank dar über diesem für die Erdenarbeit abgeschlossenen Leben.
Als ich am späten Nachmittag wieder durch den Buchenwald zurückging, wehte von der Zionskirche die Fahne. Im hellen Schein der Abendsonne leuchteten darauf die Worte: „Lobe, Zion, deinen Gott!” Jene in Schmerz getauchten Augen des Kranken und diese hell leuchtende Fahne gehörten zusammen. Darum waren auch die nun folgenden Tage, in denen der Zug der Kranken und ihrer Freunde noch einmal still in das friedliche Antlitz sah, bis wir mit vielen aus der Nähe und Ferne Herbeigeeilten um den geschlossenen Sarg in der Zionskirche versammelt waren, Tage, in denen das Klagen und Weinen überdeckt und übertönt wurde durch das Lob, das die Gemeinde der Elenden Gott darbrachte. Und als am 6. April die nicht enden wollenden Scharen sich langsam vom Grabe verloren, sang durch den scharfen Abendwind die Amsel ihr Frühlingslied.
Buchdruckerei
der Anstalt Bethel
bei Bielefeld.
Anmerkungen zur Transkription
- hannoversche - hannöversche
- friedevolles - friedvolles
- Pfarrersohn - Pfarrerssohn
- Verstehn - Verstehen
- S. 15 „Langenentzündung” in „Lungenentzündung” geändert.
- S. 15 „Lieben” in „Liebe” geändert.
- S. 27 „meinen” in „meinem” geändert.
- S. 27 „voraufgegangen” in „vorausgegangen” geändert.
- S. 35 „eizelnen” in „einzelnen” geändert.
- S. 42 „meine” in „meiner” geändert.
- S. 42 „seider” in „seiner” geändert.
- S. 72 „Anstregung” in „Anstrengung” geändert.
- S. 73 „Kämpfe Leibes” in „Kämpfe des Leibes” geändert.
- S. 73 „Schießlich” in „Schließlich” geändert.
- S. 91 „Kaffe” in „Kaffee” geändert.
- S. 100 „Champs Elysées” in „Champs Élysées” geändert.
- S. 127 „seinen” in „seinem” geändert.
- S. 135 „Kirchtum” in „Kirchturm” geändert.
- S. 173 „gleißmäßig” in „gleichmäßig” geändert.
- S. 174 „französchen” in „französischen” geändert.
- S. 177 „wieder” in „wider” geändert.
- S. 201 „überkommen” in „übernommen” geändert.
- S. 250 „sichreres” in „sichereres” geändert.
- S. 281 „dunkeln” in „dunklen” geändert.
- S. 297 „war” in „was” geändert.
- S. 366 „Kulturslebens” in „Kulturlebens” geändert.
- S. 390 „Gespächen” in „Gesprächen” geändert.
- S. 411 „Yorkschen” in „Yorckschen” geändert.
- Inhalt Seitenzahl „411” in „409” geändert.
- Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.