Einige Wochen nach seiner Ankunft in Gramenz schrieb der junge Inspektor Bodelschwingh seinem Vater:
Raffenberg bei Gramenz, Himmelfahrtstag 1852.
Lieber Vater!
Sei nicht böse, daß ich Dich so lange auf einen vernünftigen Brief habe warten lassen. Die unerwartete Bedeutsamkeit und Ausgedehntheit meiner hiesigen Stellung hat mich bis jetzt bei einer steten aufgeregten Tätigkeit kaum zur Besinnung kommen lassen. Die Feiertage selbst waren bis jetzt teils durch notgedrungenes langes Schlafen, regelmäßigen Kirchenbesuch und gezwungenen Gramenzer Familienaufenthalt, teils mit weitläufigem Rechnungswesen und reformatorischen Beratungen so ausgefüllt, daß ich bis jetzt vergeblich nach einer ruhigen Stunde gespäht habe, die mir nun endlich ein feierlich schöner Himmelfahrtsabend freundlich gewährt.
Zuerst will ich nur gleich vorausschicken, daß unter allen Wohltaten, für die ich dem lieben Gott Dank schuldig bin, kaum eine mir größer erscheint, als daß er mich hierher geführt hat. Ich muß wirklich meine hiesige Stellung nach allen Richtungen hin, sowohl was ihren Wert für meinen Lebenslauf direkt, als für meine ganze geistige Ausbildung im allgemeinen anlangt, eine ausgesucht glückliche nennen. Hier hast Du zuerst eine flüchtige Beschreibung meines landwirtschaftlichen Wirkungskreises.
Schoffhütten, das größere der beiden mir unterstellten Vorwerke, Raffenberg, meinem Wohnort, am nächsten gelegen (3,8 Meilen Entfernung), hat bei einer Viehhaltung von ca. 10 Pferden, 12 Ochsen, 20 Kühen und 700 Schafen ein Areal von etwa 800 Morgen Acker mit 100 Morgen natürlichen Wiesen, außerdem eine unberechnete Fläche teils verpachteten, teils noch nicht urbaren Landes, im ganzen 2400 Morgen. Der bis jetzt unter den Pflug genommene Teil des Schoffhütter Ackers ist seiner Bodenmischung nach unbezweifelt der beste unter allen Gramenzer Ländereien, aber teils von den früheren Pächtern ausgesogen, teils überhaupt noch ohne Kultur. Das Terrain ist dabei im höchsten Grade unübersichtlich, unzählige Gräben und steile Abhänge; die ganze Beackerungsweise ist mir vollständig neu. Dabei sind größere Entwässerungsarbeiten eines in diesem Jahre neu hinzugenommenen Schlages, Roden, Planieren usw. im Gange.
Das zweite mir unterstellte Vorwerk Zechendorf (der Wirtschaftshof liegt über eine halbe Meile von dem Schoffhütter entfernt, sonst sind beide Feldmarken nur durch einen kleinen Gramenzer Pächter voneinander getrennt) hat 700 Morgen Acker, Wiese und Bruch, 6 Pferde, 12 Ochsen, die nötigen Kühe und 3 bis 400 Schafe. Es ist erst seit vorigem Jahre teils aus der Verpachtung genommen, teils neu zugekauft und befindet sich noch auf allen Punkten im Zustande gänzlicher Verkommenheit und Verarmung. Hier sind noch bedeutende Meliorationsarbeiten in Angriff genommen.
Überall handelt es sich um eine erste mühsame Bestellung, überall ist Mangel an allem, darum aber herrscht auch über jedes mühsam neugeschaffene Stück Land desto größere Freude. Die Handarbeitskräfte auf beiden Vorwerken sind mehr als zureichend, da außer 20 eigenen Tagelöhnerfamilien gegen 40 Pächter täglich einen Dienstmann stellen müssen, sodaß ich täglich gegen 80 Leute zu beschäftigen habe. Auf jedem Vorwerk ist ein Hofmeister, beides recht gescheite, eifrige, tüchtige Männer, die bis dahin direkt unter den angrenzenden Inspektoren von Raffenberg und Ernsthöhe gestanden hatten, außerdem aber und seit der bedeutenden Erweiterung der Betriebe in diesem Frühjahr ganz vorzugsweise unter dem Oberinspektor selbst. Der hat mich aber seit dem großartigen Gramenzer Fabriktrubel völlig im Stich gelassen (es handelte sich um eine Meinungsverschiedenheit über Anlage und Betrieb der Zuckerfabrik). Über eine Meile von Gramenz entfernt bin ich selbständiger, als mir lieb ist. Herr von Senfft kümmert sich eigentlich gar nicht um die spezielle Bewirtschaftung; nach meinen entfernten Vorwerken kommt er höchstens fünf- bis sechsmal im ganzen Jahr; mich hat er erst einmal flüchtig besucht.
Außer diesen beiden Vorwerken, von denen mir in ihren jetzigen Verhältnissen jedes einzelne eine reichliche und angenehme Beschäftigung gewähren würde, habe ich nun unser hiesiges Raffenberg, ein Gut von 2200 Morgen schweren Weizenbodens mit 700 Morgen Wiesen, täglich selbst tätig mitwirkend, unter Augen, da Ernst Senfft allein von der Arbeit erdrückt werden würde. Namentlich des hiesigen Rübenbaus, über 200 Morgen (ich selbst habe auf meinen Vorwerken aus Mangel an aller Kultur erst dreißig Morgen bauen können), habe ich mich speziell angenommen.
Außer Raffenberg passiere ich nun auf meinem täglichen Ritt noch Ernsthöhe, 1500 Morgen leichteren Bodens, auch erst seit wenigen Jahren aus der Wildnis emporgearbeitet, und auch hier bleibe ich mit dem ganzen Wirtschaftsbetriebe bei dem ewigen Ineinandergreifen der Vorwerke mit Leuten und Gespannen immer im Zusammenhange. Außerdem muß ich mindestens ein- bis zweimal wöchentlich, außer Sonntag, nach Gramenz, wo mir 450 Morgen Zuckerrüben unterstellt sind, dazu die dortige Rieselwirtschaft und die Wäsche und Schur von 5000 Schafen, wovon die beiden letztgenannten Sachen mir noch ganz fremd sind. So ist das Feld für meine landwirtschaftliche Tätigkeit so unendlich groß, daß ich gar nicht im Stande bin, es auch nur einigermaßen auszunutzen und meine Pflicht, wie ich möchte, zu erfüllen.