Ihr Mann, der „Franzherr”, wie ihn seine Leute nannten, war ihr im Tode längst vorangegangen. Er war ein Mann von gewissenhafter Treue und größter Herzensgüte. Das Gut war zum Teil verpachtet, und der Pachtzins mußte jährlich in bar bezahlt werden. Ein Pächter, der in jenen schweren Zeiten die Summe nicht rechtzeitig hatte aufbringen können, kommt zum Gutsherrn, um ihn um Stundung zu bitten. Der weist ihn an seinen Rentmeister, dem die Einkassierung des Pachtgeldes oblag. Dieser aber bleibt hart. So kehrt der bedrängte Pächter zum Gutsherrn zurück und bittet ihn, ihm das Geld vorzustrecken, damit er es dem gestrengen Rentmeister zahlen könne. Der Franzherr gibt ihm das Geld, und der Pächter trägt es zum Rentmeister hinüber. Aber der findet unter der Summe ungängige Münzen und lehnt sie ab. Und noch einmal kommt der Pächter zu seinem Herrn, um sich die gewünschten Münzen einzutauschen und so mit dem Gelde seines eigenen Pachtherrn die Pacht zu bezahlen.
Die Landrätin in Tecklenburg, seine Schwiegertochter, hatte nach einer beängstigenden Nacht eines Morgens zu ihrem Mann gesagt: „Ich weiß nicht, warum ich so unruhig bin, ich glaube, unserm Vater geht es nicht gut.” Noch denselben Morgen kam ein reitender Bote mit der Nachricht, daß der Vater krank sei. Sofort warf sich der Landrat aufs Pferd. Aber als er Velmede erreichte und die Magd, die ihm begegnete, fragte: „Wie geht es dem Vater?” sagte sie nur: „Der ist eingegangen zu seines Herrn Freude.” Der Sohn dieses Vaters aber, der Landrat von Tecklenburg, stand mit gleicher Treue und mit großer Umsicht in seinem Amt. Noch nach Jahrzehnten haben die Augen der Tecklenburger geleuchtet, wenn der Name ihres ehemaligen Landrats genannt wurde.
Der Osten Deutschlands hatte in den Jahren 1813–15 den großen Frühling vaterländischen Erwachens erlebt. Jetzt erlebte der Westen ein neues Erwachen des alten Glaubens der Väter. Statt des Rationalismus, der keinen Menschen mehr befriedigte, wurde der Geschmack an dem Evangelium lebendig. Auf vielen Kanzeln erstanden Männer, die den sehnenden Herzen und Gewissen den Sünderheiland predigten.
Die Kirche in dem Städtchen Tecklenburg blieb freilich von diesem neuen Frühlingshauch unberührt; aber im benachbarten Lengerich spürte man ihn und drüben in dem kleinen Walddorf Ledde, nur eine kurze Stunde von Haus Mark entfernt. So sehen wir auch die Tecklenburger Landrätin mit ihrem Mann in Ledde unter der Kanzel des feurigen jungen Predigers Walter wie auch in Lengerich, wo Pastor Smend stiller, aber auch tiefer von dem neuen Leben erfaßt war.
Fünf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren, und jetzt, wo sie ihr sechstes Kind erwartete, war es für sie eine Zeit, wo ihr Herz unter dem Wehen des Geistesfrühlings mehr als je in Sprüngen ging und ihre Liebe zu dem, der sie zuerst geliebt hatte, besonders hell brannte. Nie vorher hatte sie einem ihrer Kinder mit solcher Freudigkeit und Sammlung des Herzens entgegengesehen. So kam der 6. März 1831 heran. Es war ein Sonntag. Die Hausgenossen waren zur Kirche gegangen. Die Landrätin hatte still für sich eine Predigt des Württembergers Hofacker gelesen. Nun weihte sie das Kind, das sie erwartete, noch einmal, wie sie es früher schon getan, ihrem Herrn zum Eigentum und Dienst. Am Abend desselben Tages hielt sie ihren kleinen Friedrich in den Armen.
[Die Jugendzeit.]
Koblenz. 1832 - 1842.
Zwei Monate später mußte die Familie v. Bodelschwingh ihr liebgewonnenes Tecklenburger Land verlassen. Es ging dem Rheine zu nach Cöln, wohin der Landrat als Oberpräsidialrat versetzt worden war. Noch in demselben Jahre wurde er Regierungspräsident von Trier. Von hier schrieb später seine Frau an ihre Schwester: „Von Fritz läßt sich nur sagen, daß er ein recht aufgeweckter Junge ist und das Soldatenspiel so fleißig übt, als wenn es ihm damit schon ein großer Ernst wäre.” Und der kleine Fritz selbst erinnerte sich aus dieser Zeit an die großen Taubenschwärme, die um die Porta Nigra, das uralte Römertor, flogen, und — an den Sarg, in welchem sein kleiner Bruder Ernst lag. „Die Kränze,” so erzählte er, „hüllten den Sarg ein, die Lichter brannten, und als der Sarg aufgehoben wurde, da war es mir, als würde er gradeswegs in den Himmel getragen.” So nah und dicht ragte dem Kinde unter der Unterweisung der treuen Mutter die unsichtbare Welt schon damals in die sichtbare hinein.