Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten?

Nicht ganz so lächerlich ist der Streit, ob es heißen müsse: er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten. Jeder verbindet ohne Besinnen mit dem Akkusativ der Person: in den Finger schneiden, ins Bein beißen, aufs Maul schlagen, auf die Stirn küssen (Luther: du wirst ihn in die Ferse stechen). Jeder verbindet eben so sicher mit dem Dativ der Person: unter die Arme greifen, auf die Finger sehen, auf den Zahn fühlen, auf die Schleppe treten. Warum dort der Akkusativ und hier der Dativ? Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen von Redensarten? Worauf kommt es an?

Zunächst ist klar, daß, wenn die Person im Akkusativ steht, zuerst die Person im ganzen als von einer Tätigkeit betroffen hingestellt wird, und dann noch nachträglich der einzelne betroffne Körperteil hinzugefügt wird. Steht die Person im Dativ, so wird der betroffne Körperteil in den Vordergrund gerückt und die Person mehr als beteiligt, in Mitleidenschaft gezogen, nicht als unmittelbar betroffen hingestellt. Das paßt nun zu den mitgeteilten Beispielen vortrefflich. Wird jemand nur auf ein Kleidungsstück getreten, so wird sein Körper gar nicht davon berührt; alle andern Redensarten der zweiten Gruppe aber sind bildliche Wendungen, bei denen ebenfalls kein wirkliches, leibliches Angreifen, Ansehen, Anfühlen gemeint ist. So wird es nun auch leicht verständlich, warum man wohl sagt: er hat mich ins Gesicht geschlagen, aber: das schlägt der Wahrheit ins Gesicht – der Mörder hatte ihn mitten ins Herz gestochen, aber: deine Klagen schneiden mir ins Herz – der Schmied hat das Pferd auf den Schenkel gebrannt, aber: solange nicht dem deutschen Michel die Not auf die Nägel brennt – du hast mich mit deinem Stock ins Auge gestochen, aber: am Schaufenster stach mir ein schöner Brillantschmuck ins Auge. Erschöpft wird die Sache mit dieser Unterscheidung zwar nicht, aber man kann sich, wenn man sie sich vor Augen hält, auch in andern Fällen leicht klarmachen, weshalb die Sprache hier den Dativ, dort den Akkusativ vorzieht oder vorziehen – sollte, weshalb man also z. B. sagt: seinem Freund auf die Schulter klopfen (obwohl das doch wirklich und nicht bildlich geschieht). Bisweilen bedeutet der Akkusativ der Person mehr das Absichtliche: weshalb trittst du mich denn auf den Fuß? der Dativ mehr das Unabsichtliche: mir hat vorhin einer auf den Fuß getreten, das tut mir jetzt noch weh.

Zur Steuerung des Notstandes

Ein persönliches Passivum kann natürlich nur von solchen Zeitwörtern gebildet werden, die ein direktes Objekt (im Akkusativ) zu sich nehmen: ich bestreite die Nachrichtdie Nachricht wird von mir bestritten. Von Zeitwörtern, die ein indirektes Objekt (im Dativ) haben, läßt sich nur ein unpersönliches Passivum bilden: ich widerspreche der Behauptungder Behauptung (nicht: die Behauptung!) wird von mir widersprochen. Daher ist es falsch, so, wie es unsre Zeitungen jetzt täglich tun, von unwidersprochnen Nachrichten zu reden, oder zu sagen wie unsre Reichstagsabgeordneten: dieser Artikel darf nicht unwidersprochen bleiben, diese Äußerung möchte ich nicht unwidersprochen ins Land gehen lassen. Unwiderlegt – das wäre richtig, und aufs Widerlegen kommts doch wohl auch viel mehr an als aufs Widersprechen. Ebenso falsch sind bedankt und unbedankt (nun sei bedankt, mein lieber Schwan! – der Vorstand kann Sie an diesem Tage nicht unbedankt hinweggehen lassen); denn es heißt nicht: ich danke dich, sondern ich danke dir, oder: ich bedanke mich bei dir.[114]

Ebenso kann natürlich ein Objektsgenitiv nur an solche Verbalsubstantiva gehängt werden, die aus Zeitwörtern mit direktem Objekt gebildet sind. Falsch und liederlich ist es, zu schreiben: die Kündigung der Arbeiter (wenn nicht gemeint ist, daß die Arbeiter kündigen, sondern daß den Arbeitern gekündigt wird), ebenso falsch: zur Steuerung oder zur Abhilfe des Notstandes – sie war zur Hilfeleistung ihrer Mutter anwesend – denn gesteuert oder abgeholfen wird dem Notstande, nicht der Notstand.

Voller Menschen

Das Adjektivum voll verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv oder, je nachdem, mit der Präposition von, z. B.: die Straßen waren voll geputzter Menschen – er war deines Lobes voll – das ganze Haus war voll von Altertümern und Merkwürdigkeiten. Daneben ist noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu voll zu setzen: voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen usw. Das ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird. Wenn man voll Liebe sagte, so meinte man natürlich ursprünglich auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war, verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise sind ja auch Verbindungen entstanden wie: ein Stück Brot, ein Glas Wein.

Nun aber voller – wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben, aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen. Die Kirche war voller Menschen – der Kerl ist voller Neid – der Garten ist voller Unkraut – der Himmel hängt ihm voller Geigen – der Junge steckt voller Schnurren – darf man so schreiben? Ei, gewiß darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans nicht schreiben dürfen?

Voller ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat (ganz ebenso wie selber und ebenso wie selbst, das nichts andres als das erstarrte Neutrum selbs ist). Schon Luther scheint über diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der Annahme gekommen zu sein, daß voller aus voll der entstanden sei; er gebraucht es gern, aber immer nur – vor dem Femininum und vor dem Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache ist sie durchaus nicht unwürdig.[115]