Unleugbar hat der Fehler etwas bequemes, und das Bestreben, ihn zu vermeiden, manchmal etwas unbequemes. Aber wird er dadurch erträglicher? Wem es nicht gefällt, zu sagen: die Ortsgruppe des Allgemeinen deutschen Schulvereins Zeitz (natürlich ist das häßlich, aber doch nicht wegen der Wortstellung, sondern weil einer „Ortsgruppe“ frischweg ein Städtename beigelegt wird), der sage doch: die Zeitzer Ortsgruppe des Allgemeinen deutschen Schulvereins. Das ist deutsch.

Streng genommen ist es natürlich auch falsch, zu sagen: der Wetterbericht Nr. 200 des Meteorologischen Instituts. Hier drängt sich Nr. 200 eben so störend zwischen die beiden untrennbaren Glieder wie in den vorher angeführten Beispielen die Eigennamen; deutsch wäre: der 200. Wetterbericht des Meteorologischen Instituts. Ganz falsch ist: eine Stiftung von 7000 Mark des Landgerichtsrat N. – eine Handschrift von 240 Blatt der Münchner Hof- und Staatsbibliothekdie Abteilung für Kriegsgeschichte des Großen Generalstabsdie Adreßbücher für 1906 der Städte Berlin, Bremen und Breslauder Oberarzt für Hautkrankheiten des städtischen KrankenhausesHöhenkurort für Nervenschwache ersten RangesFriseurgeschäft für Herren und Damen ersten Rangesder Entwurf zu einem Brunnen des Herrn Werner Steindas Promemoria an die kurfürstliche Bücherkommission des Professors Ernestider Mangel an Selbstbewußtsein und Selbständigkeit der deutschen Mädchen – eine öffentliche Vorlesung gegen Entree der am beifälligsten begrüßten Produktionen – ein großes Konzert mit darauffolgendem Ball der ganzen Kapelle des Füsilierregiments Nr. 36 usw. Auch hier sind überall zwei Konstruktionen, und zwar beidemal ein Hauptwort mit Attribut (z. B. der Oberarzt des städtischen Krankenhauses und der Oberarzt für Hautkrankheiten), in unerträglicher Weise ineinander geschoben, unerträglich deshalb, weil dadurch der Genitiv von dem Worte weggerissen ist, zu dem er gehört. Freilich läßt sich auch in solchen Fällen nicht immer durch bloße Umstellung helfen. Schreibt man: der Oberarzt des städtischen Krankenhauses für Hautkrankheiten, so ist zwar die unsinnige Verbindung: Hautkrankheiten des städtischen Krankenhauses beseitigt; aber dafür wird nun das Mißverständnis möglich, daß es ein besondres Krankenhaus für Hautkrankheiten gebe. In solchen Fällen bleibt nichts übrig, als ein Partizip zu Hilfe zu nehmen und zu schreiben: der an dem städtischen Krankenhaus angestellte Oberarzt für Hautkrankheiten. Solche Partizipia werden so oft ganz überflüssigerweise hinzugesetzt (vgl. [S. 291]), daß man auch einmal eins hinzusetzen kann, wo es notwendig ist.

Besonders schlimm sind aber nun drei Verstöße gegen die Gesetze der Wortstellung, die zum Teil schon seit alter Zeit, zum Teil auch erst in neuerer Zeit für besondre Feinheiten und Schönheiten gehalten werden und deshalb nicht eindringlich genug bekämpft werden können. Der erste ist:

Die sogenannte Inversion nach und

Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet, aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben (hätte ich dich gesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt, mit einem Adverbium oder einer adverbialen Bestimmung anfangen; es heißt: den Vater haben wirdem Himmel haben wirgestern haben wirdort haben wirschon oft haben wiraus diesem Grunde haben wirtrotzdem haben wirzwar haben wirfreilich haben wirauch haben wir usw., nicht (wie im Französischen und im Englischen) gestern wir haben. Ebenso ist die Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründenden doch: habe ich es doch selber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt: oder wir haben, aber wir haben, sondern wir haben, denn wir haben. Nur hinter und, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit, die Inversion anzubringen und zu schreiben: und haben wir. Der Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen Inversionen nach und, viele halten sie für einen solchen Schmuck der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt haben, es also genügte, zu sagen: die erste Lieferung ist soeben erschienen und liegt in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus – nur um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen, und zwar in der Gestalt des schönen derselbe, und schreiben: die erste Lieferung ist soeben erschienen, und liegt dieselbe in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus – die Fluchtlinie und das Straßenniveau werden vom Rate vorgeschrieben, und sind dieselben dieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitung. Der Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt, und wollen wir nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen – der Verein hat sich in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt, und finden die Bestrebungen desselben allgemeine Anerkennung – die alte Orgel war sehr baufällig geworden, und wurde die Reparatur dem Orgelbaumeister Herrn G. übertragen – der Austernfang ist in letzter Zeit sehr ergiebig gewesen, und wurden am Dienstag wieder 10000 Stück in die Stadt gebracht – sämtliche Stoffe sind von mir für Leipzig engagiert, und können daher dieselben Muster nicht von andrer Seite geboten werden – die Ruine ist in zehn Minuten zu erreichen, und bietet sich unterhalb derselben ein herrliches Panorama – heute findet ein nochmaliges Ochsenbraten statt, und können wir den Besuch des Restaurants nur empfehlen – anders wird gar nicht geschrieben. Prof. X ist hier eingetroffen, und fand – na, was fand er denn? eine begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! – und fand ihm zu Ehren ein Festmahl statt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande sind, auf einer Postkarte zwei Inversionen anzubringen und damit Wunder was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben: Nun sind die schönen Tage in Dresden bald vorüber, und sende ich Ihnen herzliche Grüße; mein Auftreten ist gut gelungen, und freue ich mich nun wieder auf unsre gemütlichen Abende usw.

Einigermaßen erträglich wird die Inversion nach und, wenn an der Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.: hier hört das Rostocker Stadtrecht auf und fängt die gesunde Vernunft an – so werden unsre Reichen mit Wintergemüse versorgt und wird die Zahl der Genußmittel um einige überflüssige vermehrt – zum Glück gibt es noch anständige Meister und nehmen die Fabriken einen großen Teil der jungen Leute auf – selbstverständlich gehört Freigebigkeit gegen die Priester zu den Hauptbestandteilen der Frömmigkeit und ist Geiz gegen sie die größte aller Sünden – zur Pflege der Geselligkeit fand im Januar eine Christbescherung statt und wurden im Laufe des Sommers mehrere Ausflüge unternommen – wo Hindernisse im Wege stehen (Adverbsatz), pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu halten und kommt die Überschreitung des zweiten nur selten vor. Man hat diesen Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung“ genannt.

Auf keinem Kunstgebiete kann es ein so schlagendes Beispiel für die Verschiedenheit des Geschmacks geben wie auf dem Gebiete der Sprache die Inversion nach und. Der Beamte, der Zeitungschreiber, der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch über seitens, über bzw., über selbstredend, über diesbezüglich, sie erregt ihm geradezu Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der „Spitzenbestimmung“ nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die der erste Satz mit Recht hat, im zweiten auf und schreibt: übrigens hatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich, und das Joch der Sittenzucht war nicht übermäßig schwer (statt: und war das Joch).

Das Widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt und Prädikat hinter und in die richtige Stellung bringt, sondern meist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das und zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren.

Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des wunderlichen Standpunkts, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten, die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch (!), aber „eigentlich falsch“ kann man sie nicht nennen, denn sie ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen, im Mittelhochdeutschen, bei Luther, sehr oft im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner würde, daß sie jahrhundertealt ist![141] Wer hat denn zu entscheiden, was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige, sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär“? Ein Schriftsteller, der die Inversion nach und aufs strengste vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.[142]

Die Stellung der persönlichen Fürwörter