klingt doch unzweifelhaft die schlichte „Prosa“: Wie soll ich mich aus diesem Zwiespalt retten?

Von Gellerts Fabeln hat man geringschätzig gesagt, sie wären die reine Prosa. Von dem Ausdruck trifft das gar nicht zu, der ist dazu viel zu fein und gewählt. Wenn es sich aber darauf beziehen soll, daß ihre Wortstellung ganz so ist, wie sie in guter Prosa sein würde, so wäre das ja das höchste Lob! Es ist das, was Friedrich der Große mit den Worten sagte: Er hat so etwas Coulantes in seinen Versen.

In fast allen oder fast in allen?

Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz, daß die Präpositionen (an, bei, nach, für, in, vor, mit usw.) unmittelbar vor dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und selbstverständlich wie irgend etwas, es kann gar nicht anders sein. In der griechischen Grammatik spricht man von Procliticae (d. h. vorn angelehnten).[145] Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen, die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern – wie durch magnetische Kraft – an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch im Deutschen die Präpositionen. Weil diese aber solche Procliticae sind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort (Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu stopfen.[146] Auch dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der Präpositionen begründet.

Da ist aber nun der große Logiker drüber gekommen und hat sich überlegt: fast in allen Fällen – das kann doch nicht richtig sein! das fast gehört doch nicht zu in, es gehört ja zu allen! Also muß es heißen: in fast allen Fällen. Und so wird denn wirklich seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: die von fast allen Grammatikern gerügte Gewohnheit – es geht eine Bewegung durch fast sämtliche Kulturstaaten – mit fast gar keinen Vorkenntnissen – mit nur echten Spitzen – das Stück besteht aus nur drei Szenen – wir haben es mit nur wenigen Lehrstunden zu tun – wir fuhren durch meist anmutige Gegend – die Kritik, die in meist schlechten Händen ist – es waren gegen etwa vierzig Mann – mit einer Besatzung von oft sechs bis acht Mann – in bald einfacherer, bald prächtigerer Ausstattung – das Buch ist in wohl sämtliche europäische Sprachen übersetzt – andre Kritiker von freilich geringerer Autorität – nach genau einem Jahrhundert – in genau derselben Form – mit genau derselben Geschwindigkeit – nach längstens zwei Jahren – für wenigstens ein paar Wochen – Unterricht in wenigstens einer zweiten lebenden Sprache – die ordnungsliebendern Elemente sehen sich zu wenigstens tatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen – die Kosten belaufen sich auf mindestens tausend Pfund – die Schulden müssen mit mindestens einem Prozent jährlich abgetragen werden – fünf Präpositionen mit jedesmal verschiedner Funktion – eine Anfrage würde das in vielleicht überraschendem Maße bestätigen – überall ist die Technik auf annähernd gleicher Höhe – er wurde auf zunächst sechs Jahre zum Stadtrat gewählt – mit sozusagen absolutem Maßstabe – mit allerdings nur geringer Hoffnung auf Erfolg – Japan war mit alles in allem vier Artikeln vertreten – er stand mit ihm in so gut wie keiner Verbindung – sie sind um zusammen etwa vier Millionen Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrich von erst Farbe und dann Lack wird vermieden.

Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der Präposition selber wehtun, wenn sie auf solche Weise von dem Worte, mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es einmal, man setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige Stelle, nämlich vor die Präposition: meist durch anmutige Gegend – wohl in sämtliche Sprachen – wenigstens für ein paar Wochen – annähernd auf gleicher Höhe – zunächst auf sechs Jahre usw., empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?[147]

Nur die kurzen Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen: so, sehr, viel, weit, stehen hinter der Präposition: mit so großem Erfolg – in sehr vielen Fällen – mit viel geringern Mitteln – nach weit gründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen, ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich.

Zwei Präpositionen nebeneinander

Doppelt häßlich wird das Wegreißen der Präposition von dem abhängigen Worte dann, wenn das Einschiebsel nicht ein einfaches Adverb, sondern ein Satzglied ist, das selbst wieder aus einer Präposition und einem davon abhängigen Worte besteht; dann entsteht der Fall, daß zwei Präpositionen unmittelbar hintereinander geraten – für jeden Menschen von feinerm Gefühl eine der beleidigendsten Spracherscheinungen. Und doch wird auch so jetzt fortwährend geschrieben! Da heißt es: in im Ratsdepositorium befindlichen Dokumenten – in zur Zeit nicht zu verwirklichenden Gedanken – durch vom Kriege unberührtes Land – durch von beiden Teilen erwählte Schiedsrichter – durch für ein weiches Gemüt empfindlichen Tadel – mit in Tränen erstickender Stimme – mit vor Freude strahlendem Gesicht – mit vor keinem Hindernis zurückschreckender Energie – mit auf die Wand aufgelegtem Papier – mit für die Umgebung störendem Geräusch – mit nach außen kräftigen Institutionen – mit über die ganze Provinz verteilten Zweigvereinen – mit mit (!) schwarzem Krepp umwundnen Fahnen – bei nach fürstlichen Personen benannten Gegenständen – das Sammeln von an sich wertlosen Dingen – die Frucht von durch Jahrtausende fortgesetzten Erfahrungen – eine große Anzahl von in einzelnen Fächern weiter ausgebildeten jungen Männern – die Schülerzahl stieg von über zwei- gleich auf über sechshundert – die Falter werden mittelst auf mit (!) Öl begossene Teller gestellter Gläser gefangen usw. Man kann also solche Zusammenstöße sehr leicht vermeiden, und zwar auf die verschiedenste Weise; entweder durch einen Nebensatz: durch Land, das vom Kriege noch unberührt geblieben war – oder durch einen wirklichen Genitiv statt von: das Sammeln an sich wertloser Dinge – oder durch einen Ausdruck, der dasselbe sagt wie die Präposition: von mehr als zweihundert (statt von über) oder durch ein zusammengesetztes Wort: mit freudestrahlendem Gesicht usw. Aber alle diese Mittel werden verschmäht, lieber versetzt man dem Leser den stilistischen Rippenstoß, unmittelbar hinter einer Präposition noch eine zweite zu bringen![148]

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