„Eine vorübergehende Laune!“ tröstete er sich.
Dreimal hintereinander versäumte er das Stelldichein. Als er wieder erschien, behandelte sie ihn kühl, fast geringschätzig.
„Schade um die Zeit, mein Liebchen!“ meinte er. Und er tat so, als merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch das Taschentuch, das sie herauszog.
Jetzt kam wirklich die Reue über sie. Sie fragte sich, aus welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie ihm treu hätte bleiben können. Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren Gefühlswandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht zufällig eine solche heraufbeschworen hätte, wäre alle ihre hingebungsvolle Anwandlung tatenlos geblieben.
Elftes Kapitel
Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf der Höhe der Kultur bleibe.
„Was ist denn dabei zu riskieren?“ fragte er Frau Bovary. Er zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken. Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den Operateur. „Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...“ Der Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, „... was sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer weiß?“
Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln, und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe dieses Mannes.
Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen, Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes), Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen) unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen.
„Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren“, sagte er zu ihm. „Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge schneiden läßt.“