„Höchst merkwürdig!“ meinte der Apotheker. „Es ist indessen möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind. Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot ...“

„Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!“ mahnte Bovary mit flüsternder Stimme.

„Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,“ fuhr der Apotheker fort, „sondern sogar bei Tieren. Zweifellos ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze, sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir — er wohnt jetzt in der Malpalu-Straße — besitzt einen Foxterrier, der jedesmal Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist höchst merkwürdig, nicht wahr?“

„Gewiß!“ sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.

„Das beweist uns,“ fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig lächelnd, „daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen, verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken versuchen?“

„Wieso? Womit?“

„Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That is the question! — wie ich neulich in der Zeitung gelesen habe.“

Emma erwachte und rief:

„Der Brief? Der Brief?“

Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.