Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in eigentümlichen Tönen ...
Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im kristallklaren Äther.
Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im „Roten Kreuz“ angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von Hivert geweckt.
Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr steckte. Emma las:
„Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...“ Sie hielt inne. „Was für ein Urteil?“ Sie besann sich.
Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden, das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie weiter:
„Im Namen des Königs! ...“ Sie übersprang einige Zeilen. „... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend Franken ...“ Und unten: „Vorstehende Ausfertigung wird ... zum Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...“
Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
„Die sind morgen abgelaufen!“ sagte sie sich. „Unsinn! Lheureux will mir nur angst machen!“
Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er brauchte es zu neuen Geschäften.