Die Nacht brach herein. Raben flogen.

Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel schimmerten.

Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke stand.

Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd. Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere Tür hinaus.

„So! Man ist bei Tisch. Ich will warten“, sagte sie sich.

Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre.

Er kam heraus.

„Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...“

Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte, ahnte er doch etwas Schreckliches.

Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das Herz rührte: