„Verzeihung! Ich bewundre das Christentum. Es hat zuerst die Sklaverei abgeschafft, es hat der Welt eine neue Moral geschenkt, die ...“

„Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift ...“

„Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! Man weiß, daß sie von den Jesuiten gefälscht ist ...“

Karl trat ein, näherte sich dem Totenbette und zog langsam die Vorhänge beiseite.

Emmas Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarzes Loch im unteren Teil ihres Gesichtes aus. Beide Daumen hatten sich fest in die Handballen gedrückt. Etwas wie weißer Staub lag in ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereits in blassem Schleim, der wie ein dünnes Gewebe war, als hätten Spinnen ihr Netz darüber gesponnen. Das Bettuch senkte sich von ihren Brüsten bis zu den Knien und hob sich von da an nach ihren Fußspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schweres Etwas, ein ungeheures Gewicht laste auf ihr.

Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang das dumpfe Murmeln des Baches, der in die dunkle Ferne strömte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien geräuschvoll, und Homais kritzelte Notizen auf das Papier.

„Lieber Freund,“ sagte er, „gehn Sie nun! Dieser Anblick zerreißt Ihnen das Herz!“

Sobald Karl das Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden ihre Erörterung von neuem.

„Lesen Sie Voltaire!“ sagte der eine. „Lesen Sie Holbach! Die Enzyklopädisten!“

„Lesen Sie die ‚Briefe einiger portugiesischen Juden‘“, sagte der andre, „lesen Sie die ‚Grundlagen des Christentums‘ von Nicolas!“