„Warum?“ fragte Emma.

In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates besonderen Schwung. Er deklamierte:

„Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...“

„Nur weil man mich von unten bemerken könnte“, gab Rudolf zur Antwort. „Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. Und bei meinem schlechten Rufe ...“

„Sie verleumden sich“, warf Emma ein.

„I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.“

„Meine Herren!“ fuhr der Redner fort. „Wenn wir unsre Blicke von diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...“

„Das heißt,“ sagte Rudolf, „vom gesellschaftlichen Standpunkt hat man vielleicht recht.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte sie.

„Wissen Sie denn nicht,“ erläuterte er, „daß es problematische Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist ihnen zu toll, zu phantastisch ...“