Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern. Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die Schultern.

Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann, erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes Rechteck mit schmalen Flanken bildete.

Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch aufgefaßt und schon ausgeführt.

Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts! Vorwärts!«

Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.

Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.

Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade Schlachtlinie bildeten.

In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.

Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.

Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach.